Wilhelm Müller

Die Blutorange

(Entnommen: Nachlese)

Epistel aus Sorrent.

In Sorrento's Felsengärten
Hört' ich heut' ein Märchen sagen
Von der blutigen Orange
Und der Blüte der Granate.
Also sprach der kluge Gärtner:
Golden, wie noch heut' die Schale,
Glühten einst die innern Säfte
Dieser würzigen Orangen
Von dem Baume hier am Ufer.
Und ein Sprößling der Granate,
Jung und schlank, wuchs auf daneben.
Als der Winter zog von dannen,
Trieb das Bäumchen erste Knospen,
Und gleich heißen Blutes Flammen
Brachen Blüten aus den Keimen.
Und die Nachbarin Orange,
Staunend, wie in Liebesandacht,
Bog die hohen Zweige schmachtend
Nach der fremden Glut hinüber,
Daß die Silberblüten alle
Offnen Auges landwärts schauten,
Und das Meer nur Grünes sahe.
Und als nun der Herbst gekommen,
Und den ersten goldnen Apfel
Prüfend ich vom Baume pflückte,
Ward mir klar der Zweige Schwanken
Und der Blüten seltsam Drängen:
Denn gleich heißen Blutes Flammen,
Voll, wie langverhaltnes Sehnen,
Floß der Saft aus goldner Schale.

Also sprach der kluge Gärtner,
Und ich pflückte mir Orangen,
Von dem seltnen Uferbaume.

Ist zu Ende nun die Sage,
Schweig' auch ich, und was im Herzen
Mir sich regt mit jedem Schlage,
Hat sich heute stillgetrunken
In dem kühlen Wundersafte.
Und so send' ich ohne Deutung.
Freundin, dir die Gärtnersage.