Wilhelm Müller

Die dürre Linde

(Entnommen: Nachlese)

»Bis unter den grünen Lindenbaum,
Herzliebste, geh' mit mir!
Und wenn er junge Blätter treibt,
Kehr' ich zurück zu dir!«

Sie reichten beide Hände sich,
Sie reichten sich den Mund;
Er weinte sich die Augen rot,
Sie weint' ihr Herze wund.

Und er schritt in den Wald hinein;
Sie schlich von Baum zu Baum,
Und lehnte sich an jeden Stamm
Und dacht', es wär' ein Traum.

Da braust der Sturm, da saust der Wald,
Da fallen die Blätter ab,

Und unter der grünen Linde lag's
Hoch wie ein neues Grab.

Der Wintersturm zerweht es nicht,
Es kommen die Wasser und gehn,
Und unter der Linde das hohe Grab,
Das müssen sie lassen stehn.

Und junge Blätter treibt der Wald —
Und grünt die Linde nicht? —
Das Mägdlein in den Garten geht
Und Maienblumen bricht.

»Dort von dem grünen Lindenbaum
Da fielen die Blätter ab,
Dort unter dem dürren Lindenbaum
Da liegt ein hohes Grab.

Komm, Schwester, hilf mir Blumen streun,
Ich weiß, wem's Grab gehört.
Die edle Treue darinnen liegt,
Ist schöner Blumen wert.

Und wenn mein Herz im Lenze bricht,
Legt mich in dieses Grab,
Dann treibt die Linde frisches Laub,
Das wehen die Winde nicht ab.«