Wilhelm Müller

Muscheln

Es braust das Meer, die Wogenhäupter schäumen,
Die Brandung stürmt die Burg des Felsenstrandes,
Und mit dem großen Orlogschiffe treiben
Die Wind' und Fluten ihre wilden Spiele,
Wie Kinder mit dem leichten Federballe.
Sieh, meine Muse sitzt am Fischerherde
Und läßt den grausen Sturm vorübertoben,
Ein Pilgermädchen aus dem Mittellande,
Verschüchtert von den neuen Meereswundern.
Die Fischerinnen lachen ihrer Sorgen
Und flechten wohlgemuth an Weidenreusen,
Mit Liedern sich der Arbeit Länge kürzend.

Es sinkt die Fluth und ebnet sich zum Spiegel,
Die Winde segeln heim in ihre Klausen,
Und auf dem weichen Bett des Dünensandes
Verspülen sich die klaren blauen Wellen,
Wie müde Kämpfer, die nach Ruh verlangen.
Dann schweift die Mus' umher am nassen Strande
Und sammelt kleine Muscheln sich zu Kränzen.
Um ihre Füße spielen Wassermücken,
Bis eine Woge, länger als die andern,
Den ganzen Schwarm verschlingt und ihre Sohlen
Mit einem leisen kühlen Kuß berühret.