Wilhelm Müller

Die Mewe

Wenn der Seehund schläft am weichen Strande,
Hält bei ihm die treue Mewe Hut,
Kreist umher und schauet nach dem Lande,
Schauet wieder in die hohe Flut.

Hört sie's rascheln in des Ufers Bäumen,
Kräht sie hell – das ist ein Jägersmann.
Sieht sie's auf dem fernen Spiegel schäumen,
Das sind Boote – und sie fliegt ihn an.

Und der Schläfer folgt den Losungszeichen
Seiner immerwachen Warnerin;
Eh' Harpun' und Kugel ihn erreichen,
Schlüpft er in das Meer und schwimmt dahin.

Lieber, seh' ich dich vom Strande schiffen
In die hohe wilde Flut hinein,
Nach den Wirbeln, Bänken, Klippen, Riffen –
Möcht' ich bei dir wie die Mewe sein.

Aber ach, wer giebt mir ihre Schwingen?
Nimm mich zu dir in dein kleines Boot!
Mit dir will ich durch die Wogen ringen,
Mit dir theilen aller Stürme Not.

Sage nicht, ich soll im Hause bleiben,
Bist du fort, so muß mein Herz dir nach.
Willst du's ohne Steuer lassen treiben
Durch der Fluthen grauses Ungemach?


Anmerkung von Wilhelm Müller:
Die Mewe. Die interessante Erscheinung aus der Thierwelt, welche diesem Liede zum Grunde liegt, kann man am besten in den Abendstunden von dem waldigen Vorgebirge Granitzort oder Kiköver (d.h. Kucküber, nicht Kikufer, wie Einige es falsch übersetzen) auf der Ostküste Rügens zwischen dem Putbussischen und Mönkgut beobachten.