Wilhelm Müller

Der Seehund

(Mönkgut.)

Wenn uns ein Seehund die Aale zerbissen,
Wenn er die Netz' uns in Stücke gerissen,
Rotten wir all' uns zusammen zur Jagd –
Seehund, du Räuber, jetzt nimm dich in Acht!

Ach, und wer hat uns die Herzen zerrissen?
Ach, und wer hat uns die Freuden zerbissen?
Ob wir sie kennen? Wer kennte sie nicht?
Brüder, wann halten mit der wir Gericht?

Seht doch, da kömmt sie ja selber gegangen:
Könnten sie halten und könnten sie fangen.
Läuft in die Fall' uns die Räuberin hier,
Brüder, was machen wir jetzo mit ihr?

Machen ihr Platz unter Neigen und Nicken,
Schleichen ihr nach mit schüchternen Blicken,
Gucken uns an und sagen geschwind:
'S ist doch ein liebes, ein herziges Kind!


Anmerkung von Wilhelm Müller:
Der Seehund. Mönkgut, die südöstliche Halbinsel Rügens, merkwürdig durch ihre Bewohner, die sich durch äußere Bildung, Mundart, Sitte und Tracht von den Rügianern auf das Bestimmteste unterscheiden und sich auch nie mit diesen durch Heirathen und Verschwägerungen vermischen. Wahrscheinlich bezeichnet der Name Mönkgut, Gut der Mönche, der ehemaligen Besitzer dieser Halbinsel, nämlich der Mönche vom Kloster Eldena bei Greifswald, welche ihren Grund und Boden mit deutschen Ansiedlern bevölkerten. Daher der alte Zwiespalt der slavischen Rügianer und der deutschen Mönkguter. Alle Mönkguter sind Fischer, Schiffer und besonders tüchtige Lootsen. Wenn ein Seehund (Sahlhund) in ihre Netze bricht und die gefangenen Fische verzehrt, so rotten sich alle männliche Bewohner des Dorfes zusammen, und ehe sie zum Angriffe abrudern, tanzen sie am Strande im Kreise umher und singen dazu:

Hahl mi den Sahlhund ut'n Stromme to Lanne,
Hi hett mi all de Fisch upfräten,
Hett mi't ganze Nett terräten,
Hahl mi den Sahlhund ut'n Stromme to Lanne.