Wilhelm Müller

Einkleidung

(Mönkgut.)

Sie stand im Kinderröckchen
Noch gestern vor der Tür,
Heut' sitzt sie hinter'm Fenster
Und stellt ein Mädchen für.

Erst gestern ging ich fischen
Und bot ihr meinen Gruß,
Da kam sie mir entgegen
Und gab mir einen Kuß.

Heut' kehr' ich heim vom Fange –
Kaum nickt sie mit dem Kinn,
Als wollte sie mir sagen:
Sieh nur, wie groß ich bin!

Was doch die Kleider machen!
Kaum käm's mir selber an,
Sie heute so zu küssen,
Wie gestern ich getan.

Das macht die hohe Mütze,
Die lange steife Brust –
Da hat sie eingeschnüret
Die kleine freie Lust.

Sie ist ein Mädchen worden,
Und ich, ich werd' ein Kind,
Und gucke mir die Augen
Nach ihrem Fenster blind.


Anmerkung von Wilhelm Müller:
Einkleidung. Die Nationaltracht der Mönkguterinnen, größtentheils von schwarzem Stoffe und ehrbarer Steifheit, wird ihnen an einem bestimmten Tage feierlich angezogen. Daher das Auffallende in dem schnellen Übergange des Kindes zur Jungfrau.