Wilhelm Müller

Die Pforte

Hohe Pforte, hohe Pforte! Zu dem Schatten deiner Gnade
Rufst zurück du die Verirrten von der Freiheit wildem Pfade.
Heil den Griechen! Heil den Christen! Wirf nur einen großen Schatten
Über nackte Trümmerfelder, über blutgetränkte Matten,
Daß wir alle Platz gewinnen in dem schönen Zufluchtsorte,
In dem kühlen Abendschatten deiner Gnade, hohe Pforte!
Unsrer Brüder rothe Häupter, aufgesteckt auf deine Zinnen,
Rufen laut mit dir vereinigt: Eilt, den Schatten zu gewinnen!
Hohe Pforte, hohe Pforte! Rufe nur und schmiede Ketten,
Schicht' empor die Scheiterhaufen, deiner Gnade warme Betten,
Für die Armen, Nackten, Müden, die in deinen Schatten fliehen,
Flehend, in dem Sklavenjoche wieder friedlich hinzuziehen!
Rufe nur – zur Antwort schlagen unsre Waffen wir zusammen,
Lassen unsre Kreuzfahne blitzend durch die Lüfte flammen!
Gott mit uns! auf unsrer Fahne – Gott mit uns! in unsrem Herzen.
Wir mit Gott in Siegesjubel – wir mit Gott in Todesschmerzen!
Selig, die mit Gott gefallen! Zu der Pforte seiner Gnade
Ruft er heim die müden Streiter von des Lebens wirrem Pfade:
In der Pforte kühlem Schatten ruhn die Herren und die Knechte,
Auf dem Dornenbett der Sünder, und in Blumen der Gerechte.
Brüder, nach der Pforte wollen wir mit festem Blicke schauen,
Ihrem Gnadenworte dürfen bis zum letzten Hauch wir trauen.
Seht die Häupter unsrer Brüder dort mit Martyrkronen glänzen!
Seht, Gregor, der Protomartyr, harrt auf uns mit Siegeskränzen!
Zu der Pforte laßt uns muthig mit gezücktem Schwerte wallen –
Selig, die mit Gott gestritten! Selig, die mit Gott gefallen!