Wilhelm Müller

Missolunghi's Himmelfahrt

Missolunghi, du gefallen? – Nein, gefallen bist du nicht,
Bist in donnerndem Triumphe auf der Blitze Flammenlicht
In den Himmel aufgeflogen, Stein und Erde, Thurm und Wall,
Siegeswaffen, Heldenglieder, Alles auf in einem Knall!
Auch die Leichen, die du bargest in dem schwarzen Schoos der Gruft,
Hast sie mit hinauf getragen in des Äthers freie Luft,
Wo die Seelen, die in ihnen lebten ihres Lebens Tag,
Jauchzend wieder sie umfingen, die erlösten aus der Schmach.
Sieh, und auf der heil'gen Stätte, wo die Martyrveste stand,
Liegt ein wüster Aschenhaufen an dem blutgetränkten Strand.
Kommt, ihr hohen Christenhäupter, die ihr mit dem Schwert der Macht
Habt von ferne still gestanden und an weisen Rath gedacht,
Als die Todesglocken riefen: Helfet uns, so helf' euch Gott!
Als die Heldenherzen brachen in des Hungers grimmer Noth,
Kommt, von dieser Asche sammelt in die Purpurmäntel ein,
Streuet sie auf eure Kronen über Gold und Edelstein,
Und so tretet vor den Richter, der des Himmels Wage hält,
Wann er euch dereinst wird rufen von den Thronen seiner Welt.
An dem Tage wird er fragen: Helfer ihr, mit meinem Schwert,
Warum habt ihr nicht geholfen, warum habt ihr nicht gewehrt,
Als der Heiden Tigerzähne würgten meine kleine Schaar,
Und mit ihrem Blut begossen meiner Kirche Hochaltar,
Als sie meines Kreuzes Banner niedertraten in den Staub,
Und die Zionsburg der Freiheit ward der Sklavenhorde Raub?