Wilhelm Müller

Die Sage vom Frankenberger See bei Achen

1817.

1.

Zu Achen in der Kaiserburg
Da sitzt der Frankenheld:
Die Kron' er trägt auf seinem Haupt,
Sein Lieb im Arm er hält.

Er legt die Kron' ihr in den Schooß,
Er gürtet ab sein Schwert:
»Mein liebes Lieb, du bist mir mehr
Als Macht und Reichthum werth!«

Das Fräulein spricht: Ich glaubt' es wohl,
Gäbt ihr mir deß ein Pfand,
Am liebsten aber wäre mir
Der Ring von eurer Hand.

Flugs steckt der Karl den Ring ihr an
Von Steinen schwarz und roth:
»Dein geb' ich mich, du liebes Lieb,
Im Leben und im Tod!«

2.

Zu Achen in der Kaiserburg
Da weint der Frankenheld:
Die allerliebste Buhle sein
Ist gangen aus der Welt.

Er setzet seine goldne Kron'
Ihr auf das starre Haupt:
»Begrabt mir auch die Krone gleich!
Mein Reich ist ja geraubt.«

Da naht ein schwarzer Männerzug
Mit Fackeln und Gesang:
Sie wollen mit dem Fräulein gehen
Den allerletzten Gang.

Und wie der Karl die Schaar erblickt,
Da rafft er sich empor
Und stellt sich mit gezücktem Schwert
Der Todtenbahre vor.

Die Linke schlägt er um den Leib
Des kalten Magedein
Und ruft hinaus in wildem Zorn:
Wer will der Erste sein?

Und herzt und küßt das bleiche Bild,
Als wär's noch rosenroth:
»Dein geb' ich mich, du liebes Lieb,
Im Leben und im Tod!

Doch mein schwarzrothes Ringelein
Ist nicht an deiner Hand!
Es wird doch nicht verloren sein,
Das heil'ge Liebespfand?«

3.

Zu Köllen in dem Dome
Da kniet ein Gottesmann:
»Herr, lös' uns unsren Kaiser
Aus seinem Liebesbann!«

Der Bischof hat gebetet,
Da ist sein Sinn erhellt,
Und flugs wird eine Reise
Zur Kaiserburg bestellt.

Dort sitzt der Karl noch immer
Am Sarg der lieben Maid
Und nährt von ihren Lippen
Sein heißes Herzeleid.

Da tritt zur Todtenhalle
Der fromme Bischof ein:
»Mein Herr, du sollst geheilet
Von deiner Liebe sein.

Hast einst der Maid gegeben
Ein Ringlein schwarz und roth,
Dran hält sie dich gebunden
Im Leben und im Tod.

Und als sie kam zu sterben,
Wohl in der letzten Stund',
Da hat sie still verborgen
Den Ring in ihrem Mund.

Und soll dir Ruhe werden
Im Leben und im Tod,
Muß jetzt ich von ihr nehmen
Das Ringlein schwarz und roth.

Und will es gleich versenken
Hier in den tiefsten See,
Daß dir von seinem Zauber
Kein Unheil mehr gescheh'!«

Schnell ist das Wort gesprochen,
Schnell ist die That vollbracht:
Da winkt der alte Kaiser:
»Begrabt mir nun die Magd!«

4.

Bei Achen an der Kaiserstadt
Da liegt ein grüner See.
Wer ist es, den ich früh und spat
Dort einsam wandeln seh'?

Deß geb' ich dir die Kunde gern:
Das ist der Frankenheld,
Der hat am See ein Schloß erbaut
Und sich zum Haus bestellt.

Und nun ist an dem grünen See
Sein allerliebster Gang,
Oft schaut er da mit nassem Blick
Hinein wohl tagelang.

Auch soll in seinem Testament
Also geschrieben sein:
Versenket in den grünen See
Dereinst die Hülle mein!

Doch von dem Grund zu solchem Thun
Ist mir nur dies bekannt:
Den Kaiser bannt an diesen See
Ein mächtig Liebespfand.