Wilhelm Müller

Epigramme aus Rom 1818

1. Früher Lenz in der Campagna di Roma.

Wahrlich, hier muß ich den Lenz als kecken Gesellen begrüßen,
Wie er sein luftiges Zelt in der Campagna bewohnt,
Das er aus Düften sich bauet, das leichte Zephyre bewachen,
Und zu Gaste darin Amor, das zärtliche Kind.
Und auf den Bergen umher da lauert der tückische Winter
Noch in dem Panzer von Eis, jeglichem Kampfe bereit;
Mit ihm die wüthenden Heere der Stürme, die Hagelgeschütze:
Klein ist der Weg nur herab, Boreas Fittig so schnell.
Amor, du liehest gewiß dein Augenbindchen dem Wirthe,
Daß er die Feinde nicht merkt, bis er am Ohre sie fühlt.

2.Freies Leben.

Rasch aus der Stube die Kleinen! Was sollen sie heut' in der Wiege?
Dumpfig und finster ist die, draußen ist's heiter und warm.
Lieget im Rasen, ihr Lieben! Welch schwellendes, duftiges Bette!
Schatten die Fülle für euch bietet das Myrtengebüsch.
5 Wie ihr die Kinder gewöhnt, so treiben's die Großen. — Behüte
Mich vor der Stube, o Herr! ist ein romanisch Gebet.

3. Himmel und Erde.

Sieh, wie der Himmel so nahe mit klarer und wonniger Bläue
Über den Pinien ruht, möchte noch tiefer herab,
Aber die Erde, sie streift ihm entgegen die Arme voll Sehnsucht,
Und nach dem Himmel mit Lust ringt sich die keimende Welt.
Schmächtige Rebe, wohin? Schon erfaßt sie den Wipfel der Ulme;
Daß sie nicht höher noch kann, senket sie traurig das Haupt.

4. Lebensfülle.

Hinter den hangenden Ranken des Epheus, unter der Grotte
Lauert die Nymphe, sie neckt gerne den Wanderer hier,
Ihn mit der marmornen Schale begrüßend, und lustige Sprudel
Gießt sie ihm über die Stirn, will er sich netzen den Mund.
Also sprudelt das Leben in Rom. Ihr mäßigen Weisen,
Nippet nur immer daran, oder es wäscht euch den Kopf

5. August.

Über die Dächer erhebt sich die Sonne und spiegelt im Fenster
Unserer Nachbarin sich. — Schließe die Laden, mein Kind!
Denn es beherrschet den Himmel der grimmige Löwe, der sendet
Giftige Pfeile herab, zückend durch Fenster und Thor.
Aber bald wachsen die Schatten, umfächelt von kühlenden Lüften,
Sieh, und der stolze Tyrann stürzt in die Fluthen des Meers.
Rasch nun öffnet die Schöne den Laden, und hell aus dem Vorhang
Schaut sie herüber und nickt: Glücklichen Abend! mir zu.
Glücklichen Morgen! so grüß' ich zurück. Dein Auge beherrsche,
Tag mir gewährend und Nacht, mild mich im harten August!

6. Amor, ein Cicerone.

Britten die sah ich in Rom, auch Deutsche, die auf den Ruinen
Taschen und Tücher sich voll steckten mit Ziegeln und Kalk.
Schwerstein nennen sie das, und es dient zur Zierde dem Schreibtisch,
Wenn es geformt und polirt ruht auf dem leichten Papier.
Lasset die Steine den Steinen! Sie werden den classischen Trägern
Herzen und Köpfe daheim drücken so krumm und so dumm.
Athm' ich nur classisches Leben! So schweb' ich am Arme Cupido's
Über die Trümmern, und er ist Cicerone bei mir.

7. Die heilige Stadt.

Kinder bemerkt' ich in Rom in Petri prächtigem Dome
Hinter den Kerzen sich her schleichen in emsiger Lust,
Und von dem Boden das Wachs, das heruntergetröpfelte, schaben;
Draußen verkauften sie es, nannten es heiliges Wachs,
Kannst du mir deuten dies Bild, dann kennst du die heilige Roma
Innen und außen fürwahr. Reise nach Hause, mein Freund!

8. Der kolossale Tibris.

Eures vergötterten Stromes Koloß, wo ist er geblieben,
Romulus Volk? — In Paris ließ ihn Canova zurück. —
Aber was bracht' er zum Tausche dafür von dem Strande der Seine? —
Feinen, polirten Geschmack, und Komplimente dazu.

9. Zueignung.

Blumen, hesperische, pflückt' ich für dich; die send' ich, getrocknet
Zwischen dem schwellenden Moos, liebliche Freundin, zu dir.
Sind sie dir lieber im Strauße, so binde sie sinnig zusammen,
Und die Devisen dazu, die ich als Hülle gebraucht.