Wilhelm Müller

Geistliche Lieder

(1818.)

Sonntag.

Helle Morgenglocken klingen,
Gottes Haus ist aufgethan:
Laßt uns mit Gebet und Singen
Seiner Gnadenpforte nahn.

Auf ihr Schwachen, auf ihr Armen!
Kraft und Reichthum ist bereit.
Auf, in Wonne zu erwärmen,
Herz voll starrer Traurigkeit!

Aber noch gar andre Glocken
Hör' ich läuten hell und klar,
Ein unwiderstehlich Locken
Hebt die Seele liebesbaar.

Aus den blauen Himmelsfernen
Tönt die süße Musika,
Engel rufen von den Sternen:
Vater unser, wir sind da.

Haben Alles heimgelassen
Erdenlust und Erdenweh,
Erdenlieben, Erdenhassen:
Nimm uns ein zur Himmelshöh'!

Laß uns unsere Blicke weiden
Herr, an deinem Angesicht,
Daß in ihren Truggeschmeiden
Welt uns reize fürder nicht.

Mittler, laß die Händ' uns drücken
Tief in deine Wunden ein,
Daß wir sie mit Werken schmücken,
Die dir wohlgefällig sein.

Geist der Wahrheit uns umwehe
Mit den weißen Flügeln dein,
Daß der Klugen Wahn zergehe,
Nebeldunst vor deinem Schein!

Hört ihr diese Glocken klingen?
Gottes Herz ist aufgethan:
Laßt uns mit Gebet und Singen
Seinem Gnadenborne nahn!


Wer viel geliebt im Leben,
Dem soll ja viel vergeben
Im Himmelreiche sein.


Weihnachten.

Unser Gott ist Kind geworden;
Auf, ihr Kindlein aller Orten,
Tretet an die Wiege sein!
All' ihr Alten dieser Erden
Müsset neu zu Kinder werden;
Soll das Kind euch freundlich sein.

Leget ab die Eisenröcke,
Leget ab die goldnen Röcke,
Wollt ihr zu dem Kindlein gehn,
Leget ab die weisen Falten,
Die um eure Stirnen walten,
Wird das Kind euch gerne sehn.

Lasset Zorn und Hader fahren,
Feind mit Feind sich freundlich paaren,
Ausgestrichen alle Schuld!
Wird ja Gott zu einem Kinde,
Will vergeben alle Sünde,
Recht in süßer Kindeshuld.

Legt auch ab das Glanzgeschmeide,
Kleidet euch mit weißem Kleide,
Wie's den Kindern wohlgefällt,
Dazu woll'n wir Blumen pflücken,
Unser Haupt damit zu schmücken,
Kleine Blumen aus dem Feld.

Mutter, laß dein Kind uns sehen!
Auch drei Kön'ge draußen stehen,
Kommen her aus fernem Land.
Heb' die Decke von der Wiege,
Daß es offen vor uns liege,
Das vielholde Liebespfand!


Heimkehr.

Thu' auf die Pforte deine,
Du Liebster, den ich meine,
Ein Sünder klopfet an.
Laß mich nicht lange stehen,
Bin müd' von vielem Gehen,
Daß ich nicht weiter kann!

Wie brennen mir im Herzen
Die heißen Reueschmerzen!
Geuß deinen Balsam ein!
Die Sünden dieser Erden
Zu Liebesflammen werden
Schier in den Armen dein.

Wohl hatt' ich dein vergessen,
Wohl hatt' ich gar vermessen
Gelebt nach eignem Rath:
Da hab' ich bald verspüret.
Wohin am Ende führet
Des Menschenwahnes Pfad.

Ermüdet von den Freuden,
Zerschlagen von den Leiden,
Der Busen leer und voll,
Im fernen fremden Lande
Mein Schiff zerschellt am Strande:
Da deine Stimme scholl:

Erheb' dich, arme Seele!
Was auch dich Alles quäle,
Mir ist es wohl bewußt:
Ich will dir gerne geben,
Was du umsonst vom Leben so
Geheischt in eitler Lust.

Wer dort will Rosen pflücken,
Der muß in's Herz sich drücken
Der spitzen Dornen viel:
Aus meiner Dornenkrone
Da blüht dem Erdensohne
Das süße Lebensziel.

So laß zur Pforte deine,
Du Liebster, den ich meine,
Den armen Sünder ein!