Wilhelm Müller

Die zwei Flämmchen im See

(1820.)

Ich sehe zwei Flämmchen schweben.
Im Moor, beim Mondenschein,
Das sind eines Brautpaars Seelen,
Die tanzen den Hochzeitreihn.

»Ich kann dich nicht mehr lieben,
Ade meine süße Frau!
Ich werb' um eine Andre
Da drüben in der Au'.«

Und wirbst um eine Andre
Da drüben in der Au',
Ich werde nun und nimmer
Eines Andern Ehefrau.

»Schöne Braut, du sollst nicht weinen,
Deine Thränen thun mir weh:
Die ich freie, wohnt da droben
Im Schloß am schwarzen See.«

Und wohnt deine Braut da droben
Im Schloß am schwarzen See,
Ich will am Seee wohnen,
Am Schloß in deiner Näh'.

Der Ritter zog von dannen:
»Trab' zu, mein blankes Roß!
Es geht zu meinem Liebchen
Da drüben auf dem Schloß.«

Das Fräulein sah ihn traben:
Ade, Geliebter mein!
Trab', Rößlein, nicht so schnelle,
Ich möcht' gern hinterdrein.

Der Ritter hält am Schlosse
Wohl vor dem hohen Thor;
Das Fräulein hört es klingen,
Und stürzt sich in den Moor.

Der Ritter trabt von dannen
Wohl durch das hohe Thor,
Da schwebt im Mondenscheine
Ein Flämmchen auf dem Moor.

»Vorüber, mein Rößlein, vorüber,
Laß nur das Irrlicht wehn!
Zurücke, mein Rößlein, zurücke,
Sonst müssen wir untergehn!«

Das Rößlein hoch sich bäumet,
Und wirft den Reiter ab:
Da wölben ihm Liebchens Arme
Ein weiches Wogengrab.

Die Sterne gingen unter,
Die Sonne stieg empor,
Es hielt kein Ritter wieder
Dort vor dem hohen Thor.

Da schauten zwei nasse Augen
In's Thal, beim Mondenschein,
Sie sahn zwei Flämmchen schweben,
Und schauten nicht weiter hinein.

Ich sehe zwei Flämmchen versinken
Im Moor, beim Mondenschein:
Das sind eines Brautpaars Seelen,
Die gehn in's Kämmerlein.