Wilhelm Müller

Frühlingslied

(1825.)

Schwinge, schwinge deine Fahnen,
Holder Mai, auf hellen Bahnen,
Blau gewirkt mit weißen Flocken
Blumenkränze um den Rand!
Weh' des Waldes Pfade trocken,
Wehe warm das starre Land!

Deine lieben Anverwandten,
Deine kleinen Musikanten,
Spielen fröhlich zu dem Feste
Deiner Siegesherrlichkeit,
Und du bringst für alle Gäste
Selber mit das Feierkleid.

Grüne, weiße, rothe Röcke,
Manche buntgestickte Decke
Für den Wald und für den Garten
Wirkst du wieder aus der Höh',
Läßt auf Häubchen auch nicht warten,
Guckt der Crocus aus dem Schnee.

Schwinge, schwinge deine Fahnen,
Holder Mai, auf hellen Bahnen!
Weh' in alle meine Sinne
Deines frischen Athems Lust,
Und das süße Lied der Minne
Gieß' in meine leere Brust!