Wilhelm Müller

Die vier Jahreszeiten des Trinkers

Ein lyrischer Accord.
Zweites Jahr. 1826.

Frühling.

»Ei, ei, wie schläfst du, o Erde, so lang'!«
Geduld, ihr Kinder, und seid nicht bang'.
Je besser des Herbstes Traube gedeiht,
Je länger schlaf' ich zur Winterzeit.

Es hatte des jüngsten Herbstes Saft
So wunderbare geheime Kraft;
Sie hält noch immer in Rausch mich hier,
Und ich verschlafe den Frühling schier.

»Steh' auf, es ist ja die höchste Zeit:
Bedenke, daß sonst kein Wein gedeiht.
Die Reben weinen vor Angst und Noth,
Daß ihnen ein solches Elend droht.«

Geduld, Geduld! Ich hebe mich schon.
Komm, Lenz, hilf auf mir, du lieber Sohn!
Und laß uns zuerst nach den Reben gehn,
Ich kann sie nicht länger weinen sehn!

Sommer.

Wenn wir in den Keller gehn,
Kühlen Wein zu trinken,
Laß die Sonn' es nur nicht sehn,
Denn sie wird euch winken.

Nehmt mich, winkt sie, mit hinein,
Einen Krug zu leeren.
Brüder, weh um unsern Wein,
Laßt ihr sie gewähren!

Tausend Strahlen oder mehr,
Durstige Gesellen,
Rief sie zu dem Weine her
Von den Wasserquellen.

Seht doch, wie sie lechzend hier
Vor dem Keller stehen,
Ach, sie leerten draußen schier
Ganze Fluss' und Seeen.

Schenke, laß sie nicht herein,
Diese wilden Zecher!
Sieh, wie mir so schnell der Wein
Schwindet aus dem Becher.

Glaube mir, es ist ein Strahl,
Der durch eine Ritze
Sich in meinen Becher stahl
Mit der Zungenspitze.

Herbst.

In den Reben lieg' ich hier,
Grün und gelb umrankt,
Wo die schwere Traube mir
Um die Lippen wankt.

Netze sie mit frischer Kost,
Herbst, ich wittre was —
Hast du denn noch keinen Most,
Alter Herr, im Faß?

Ist es noch nicht Kelterzeit
In dem Garten hier?
Mach' dich, Winzerin, bereit
Und komm her zu mir.

Traub' an Traube dränget sich
Deinen Händchen zu,
Bittend: Ach, zerdrücke mich,
Schönes Mädchen du!

Gebe gern dir meinen Wein,
Wenn ich bluten muß.
Laß mich nicht zertreten sein
Von des Winzers Fuß!

Mit den Trauben bitt' ich dich
Um den ersten Most.
Meine Lippen öffnen sich
Deiner süßen Kost.

Laß mich prüfen, wie man muß,
Dieses Herbstes Wein.
Erster Most und erster Kuß,
Was wird süßer sein?

Winter.

Schenke, bringe mir hellen Wein,
Weil die Lüfte sind dunkel;
Laß mich sehn in des Bechers Schein
Sonnenlicht, Sternengefunkel!

Wolkenschneider, du böser Mann,
Thust du der Erd' es zu Leide,
Daß die Sonne du kleidest an
Mit dem traurigen Kleide?

Aschenfarben hänget es ihr
Über die Augen herunter.
Weil der Himmel nicht sieht nach dir,
Bruder, treib' es recht munter!

Und wenn morgen der Sonnenschein
Wieder die Erde beleuchtet,
Und von heute die Trinkerlein
Findet noch selig befeuchtet:

Ach, wir beweinten die ganze Nacht
Unsre Sünden mit Schmerzen,
Das hat trüb' uns die Augen gemacht,
Aber erhellet die Herzen.