Wilhelm Müller

Sehnsucht nach Italien

Wenn ich seh' ein Vöglein fliegen,
Wenn ich seh' ein Schifflein fahren,
Wird die Brust mir selig weit.
Herz, mein Herz, bleib' stille liegen,
Wollen unsre Segel sparen
Zu der jungen Maienzeit!

Wenn sie aus der dumpfen Halle
Die Orangenbäume tragen
An das warme Sonnenlicht,
Will mit Duft und Glanz und Schalle
Unsre Lieb' uns wieder fragen:
Kommt ihr diesen Sommer nicht?

Herrin, die ich sinnig meine,
Sieh, ich führ' auf meinem Hule
Immergrün Zypressenreis!
Herrin, die ich fern beweine,
Sieh, ich heg' in meinem Muthe
Sehnsucht, unerlöschlich heiß!

Wieder Sehen, wieder Meiden —
Heißt das Loos, um das ich weine,
Selige Hesperia;
Und du stehst bei Lust und Leiden
In dem ewig hellen Scheine
Deiner Blüthensterne da!

Als ein Pilger will ich ziehen
Mit der blanken Muschelschale
Durch der Alpen Eis und Schnee,
Will zur Erde niederknieen,
Wo die erste Blum' im Thale
Fragt nach meinem süßen Weh.

Öffnet mir die Waldkapelle,
Daß ich Stab und Muschel weise
An dem heiligen Altar:
Die Zypresse an der Schwelle
Kennt mich noch an einem Reise,
Das ich. trag' in meinem Haar.