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Das Gedicht „Nadine“ stammt aus der Feder von Christoph Martin Wieland.

»Nadine, komm' und misch' in deinen Kuss
Den Zauberton, der Philomelens gleichet,
Indes die Nacht mit unbemerktem Fuß
Den jungen Tag in Florens Arm beschleichet.

»Ein Augenblick wird schon zu teu'r versäumt;
Sie fliehn, sie fliehn mit Flügeln an den Füßen,
Die Stunden fliehn, die unter unsern Küssen
Ein Quincica am Quell der Lust verträumt.

»Hat meinen letzten Hauch dein Mund einst aufgeküsst,
Was folget uns ins öde Reich der Schatten?
Ach! die Erinnerung, was wir genossen hatten,
Ist mehr vielleicht, als dann uns übrig ist.«

So spricht Amynt und drückt, indem er's spricht,
An ihren Schwanenhals sein glühendes Gesicht
Und fühlt, vom Arm der Liebe sanft umwunden,
Den ganzen Wert der eilenden Secunden.

Mit Augen, wo die Traurigkeit
In süße Wollust schmilzt, verschämt, doch hingerissen
Von eurer Macht, Natur und Zärtlichkeit,
Entwind't sie lässig nur sich seinen heißen Küssen.

Die schlaue Nacht zieht jüngferlich bescheiden
Ein Wölkchen, wie vom dünnsten Silberflor,
Dem Seitenblick der spröden Luna vor;
Ein Rosenbusch wächst schnell um sie empor,
Und ungesehn umflattert sie ein Chor
Von Liebesgöttern und von Freuden.

Nur einer aus der kleinen Schar,
Ein junger Scherz von dreisterem Geschlechte,
Den eine Grazie dem schönsten Faun gebar,
Setzt schalkhaft auf dem braunen Haar'
An deiner Stirn, Nadine, sich zurechte.

Amynt wird ihn zuletzt gewahr
Und will den losen Gaukler fangen;
Allein der Scherz, der leicht von Füßen war,
Entschlüpft und flieht in eins der Grübchen ihrer Wangen.

Auch hier verfolget ihn Amynt.
Nun, denkt er, soll mir's doch in ihren Lippen glücken!
Ja! wäre nicht sein Gegner schnell besinnt,
Den kleinen Gott mit Küssen zu ersticken.

Er zappelt, wie ein junger Aal
Im feuchten Netz', und schlägt und sträubt sich mit den Flügeln,
Bis zwischen sanft erhabnen Hügeln
Von warmem Schnee ein dämmernd Rosenthal
Sich ihm entdeckt. – Er glitscht an einer Leiter
Von Bändern unvermerkt herab.
Umsonst! Der Mund, der keine Rast ihm gab,
Folgt ihm durch Berg und Tal und treibt ihn immer weiter.

Wohin, o Venus, soll er fliehn?
Wo kann er zu entrinnen hoffen?
Wie soll er sich der Schmach, erhascht zu sein, entziehn?
Wo ist noch eine Zuflucht offen?

So wie ein Reh, vom frühen Horn' erweckt,
Mit raschem Lauf, der kaum das Gras berühret,
Von Bergen flieht, dann steht, die Ohren reckt,
Dann schneller eilt, vom Nachhall fortgeschreckt,
Und sich zuletzt in einen Hain verlieret,
Wo krauser Büsche Nacht ihm seinen Feind versteckt:

So eilt der schlaue Scherz, ganz atemlos vor Schrecken,
So leis' er kann, in eine Freistatt sich,
Wo ihn sein Jäger sicherlich
Nicht suchen werde, zu verstecken.

Der Flüchtling glaubt, in Paphos tiefstem Hain,
Wo, unentdeckt sogar bei Sonnenschein,
Sich Amor oft an Spröden schon gerochen,
Glaubt in Cytherens Heiligtum,
In Dädals Labyrinth, ja im Elysium
Nicht sicherer zu sein, als wo er sich verkrochen.

Allein der Liebesgötter Schar,
Die, Bienen gleich, doch unsichtbar,
In Trauben an Nadinens Wangen,
An ihrem Rosenmund', an ihrem Busen hangen,
Bemerkten bald die reizende Gefahr
Und schrien laut – als es zu späte war:
Ach, Brüderchen, du bist gefangen!

Christoph Martin Wieland

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