Friedrich Wilhelm Nietzsche

Gethsemane und Golgatha

Des Mondes Helle zuckt in ungewissen,
Zerstreuten Strahlen durch die Mitternacht;
Die Wolken fliegen wie vom Sturm zerrissen,
Ein aufgelöstes Heer nach wilder Schlacht,
Der Kidron braust in ungestümem Drängen -
Der Ölberg ruht auf stummen Felsenhängen.

Herr, deine Jünger schlafen, hingestreckt
Auf feuchtem Boden, und manch' ängstlich Bild
Scheucht ihrer Seelen Ruhe und erschreckt
Die Stille, die die Schlummernden umhüllt.
Sie sehen dich im Traum zu ihnen treten,
Sie sehn dich seufzen, sehn dich ängstlich beten.

Doch du liegst einsam! Keine Welt erfaßt
Die Qualen, die dein großes Herz umfluten;
Du liegst gebeugt von ungemess'ner Last,
Und alle Wunden brechen auf und bluten.
Das ist dein letztes, schwerstes Todesringen,
Und Erd' und Hölle will dich niederzwingen.

Da steht vor deinem Blick ein Berg der Qual
Darauf ein Kreuz und frecher Spötter Fülle;
Das ist dein Berg, dein Kreuz, dein Marterpfahl.
Das ist dein Los, nein, - 's ist dein eigner Wille.
Und nicht genug - was nie ein Mensch kann sagen -
Die Hölle selber kommt dich anzuklagen.

Du willst die Sünde tragen, und sie naht,
Aus tiefster Finsternis ans Licht gekrochen;
Da naht verstörten Blicks des Zweifels Saat,
Und Greuel, stumm und tief, nie ausgesprochen!
Sie nahen dir mit drohender Gebärde,
Sie wolln dich niederziehn zu Tod und Erde.

Du ringst gewaltig - blutger Tränen Flut
Sie künden deiner Seelen tiefstes Wehe,
»Vorüber geht er nicht, der Kelch voll Blut,
Du mußt ihn trinken, Gott, Dein Will' geschehe!«
Und wieder naht mit leisem Flügelschlage
Ein Engel, wie an dem Versuchungstage.

O Stätten heiligster Vergangenheit!
Gethsemane und Golgatha! Ihr tönet
Die frohste Botschaft durch die Ewigkeit,
Ihr kündet, daß der Mensch mit Gott versöhnet,
Versöhnet durch das Herz, das hier gerungen,
Das dort verblutet und den Tod bezwungen!

O Stätten heilig ernster Gegenwart!
Zu denen sich die müde Seele führet
Und still der ewigen Lebensfluten harrt,
Die auch noch jetzt ein Engel Gottes rühret.
Es nahn die Kranken - und der Himmel schließet
Sich auf, und Lebenswasser fließet!

O Stätten, ihr, der Zukunft Weltgericht,
Der Frommen Hoffnung und der Sünder Grauen!
Vor euch wird eitler Ruhm und Glanz zunicht,
Von euch wird Segen auf die Welten tauen.
So schaut ihr, vorwärts, rückwärts, auf die Zeiten,
Merksteine in dem Strom der Ewigkeiten.