Anton Ohorn

Das letzte Lächeln

Den bleichen Engel sah ich schweben,
Mein Kind, um deine Lagerstatt;
Noch rangst du um dein kleines Leben,
Dein Geist jedoch war irr und matt.

Du sah’st nicht, wie mit heißen Thränen
Die Mutter Kuß dir gab um Kuß,
Nicht, wie in Angst und Hoffnungswähnen
Ich stand an deines Bettchens Fuß.

Die Brust von Lieb’ und Weh durchdrungen,
Rief ich den theuern Namen laut –
Da hast du dich emporgerungen
Und hast noch einmal aufgeschaut.

Du hast mein Antlitz nicht gesehen;
Dein Auge folgte nur dem Schall,
Doch schien’s dich freundlich zu umwehen
Wie süßer Tage Widerhall.

Hast du im wirren Traum empfunden,
Daß dir dieselbe Stimme klang,
Die einst in glücklich schönen Stunden
Dir traute Kinderlieber sang? –

Ein letztes müdes Lächeln dankte –
Auf grauer Flur ein Sonnenblick! –
Das kleine, blasse Antlitz schwankte
In’s weiße Bettchen dann zurück.

Die großen, irren Augen sanken
Zum trüben Schlummer wieder ein –
Ich aber will dir ewig danken
Für diesen letzten Sonnenschein.

Der Engel Spielgenoß zu werden,
Gingst du hinauf in’s ew’ge Licht,
Doch ich vergesse hier auf Erden
Dein letztes, liebes Lächeln nicht.