Anton Ohorn

Des Sängers Werbung

Um die bunten Scheiben webet
Mailicht, dämmernd süß und bang,
Durch die Kemenate bebet
Lautenschlag und Minnesang.
Und die Maid mit holdem Zagen
Blickt zum Sänger still empor,
Wonnig wie aus allen Sagen
Tönt sein Lied ihr an das Ohr:

»Meines Schlosses lichte Wände
Spiegeln freundlich sich im Rhein
Und aus grünem Rebgelände
Schaut es weit in’s Land hinein.
Diener hab’ ich und Vasallen,
In den Truhen edles Erz,
Säulenstolze, hohe Hallen
Und ein krankes, wundes Herz.

Aus den Ahnenbildern schauen
Ihres Stammes letzten Mann
Bange Augen schöner Frauen
Vorwurfsvoll und fragend an;
Daß ich nicht mehr einsam weile
Bei des Lenzes Hochzeitsluft,
So erhör mein Flehen, heile
Meine sehnsuchtskranke Brust!«

Mit dem letzten Ton der Laute
Schweigt des blonden Knaben Mund;
Enger schmiegt sich an die Traute
Kosend der getreue Hund;
Nach dem schönen Sänger wendet
Innig sie das Aug’ empor,
Und ein ganzer Himmel sendet
Seine Strahlen draus hervor.

»Nicht dein Schloß am grünen Rheine
Lockt mich, nicht dein edles Erz,
Nicht Gelände, reich an Weine,
Mich erbarmt dein wundes Herz.
Küssen will ich manche Stunde
Deinen Liedermund so warm,
Daß dein krankes Herz gesunde
In der Liebe weichem Arm.«