Anton Ohorn

Schlaflose Nacht

Schlaflose Nacht! Kennst du sie nicht? –
Es losch des müden Tages Licht,
Die Nacht sinkt still und friedlich nieder,
Und schwer sind deine Augenlider;
Da ruhst du auf dem weichen Pfühl. –
Verstummt der Straßen laut’ Gewühl
Du hörst den Pendelschlag der Uhr,
Des eignen Herzens Pochen nur,
Vor deinem Fenster in den Bäumen
Rauscht es so leise – du willst träumen.

Doch weshalb kommt der Schlummer nicht?
Stört dich vielleicht das blasse Licht
Des Monds mit seinem matten Schimmer? –
Horch, eine Fliege summt durchs Zimmer;
Der unruhvolle, kleine Gast,
Er raubt dir die ersehnte Rast …
Du ärgerst dich – die Kissen drücken,
Du mußt sie dir bequemer rücken –
Doch nun, aufs neu’ die Augen zu –
Rastlose Seele, halte Ruh!

Unklar verdämmern die Gedanken,
Und blasse Traumesbilder schwanken
Auf leisem Fittig schon herbei – –
Da tönt verhallend, fern ein Schrei.
War das im Traum, in Wirklichkeit?
Was soll der Schrei um diese Zeit?
Sucht sich ein Vogel noch sein Brot?
War es ein Mensch in Todesnoth?
Du fährst empor, du lauschest still,
Ob sich nichts weiter regen will –
Doch stumm bleibt alles wie zuvor,
Und wieder legst du dich aufs Ohr.

Doch mit dem Schlafen ist’s vorbei.
Du hörst noch immer jenen Schrei,
Phantastisch spinnst du fort daran,
Und was Du sinnst, wird zum Roman.
Es fällt dir bei aus Jugendtagen,
Wie einen Wand’rer man erschlagen
Bei stiller Nacht im grünen Tann – –
So schrie wohl der unsel’ge Mann!
Und wenn du in die Jugendzeit
Dich erst verirrt, so frei und weit,
Dann will an dir vorüberschweben
Dein ganzes Leben.

Gestalten kommen auf Gestalten,
Du wehrst umsonst – sie müssen walten,
Die stille Nacht ist ja die Frist,
Da Geistern Macht gegeben ist!
Was dir an Lust und Leid beschieden
Seit Jahren war, stört dir den Frieden.
Lebendig wird, was längst verblich,
Verschlossne Grüfte öffnen sich,
Und groß erscheint die kleinste Schuld …

Da springst du auf in Ungeduld,
Dir ist so heiß – die Stirne brennt –
Die Fenster auf! – Am Firmament
Stehn mit dem lieben Licht die Sterne,
Die Erde schläft, nur aus der Ferne
Hallt leis der Schritt des Wächters wider
Du legst aufs neu’ zum Pfühl dich nieder.

Du denkst an das wogende Aehrenfeld,
An des Meeres Welle, die steigt und fällt,
An alles, was dich beruhigen kann,
Umsonst, dein Schlaf kommt nicht heran.
Die Uhren scheinen still zu stehn,
Gleich abgelebten Greisen gehn
Die Stunden müden Ganges hin,
Und einen Wunsch nur hegt dein Sinn:
O, daß doch bald der Morgen käme
Und diese Nacht ein Ende nähme! …

Jetzt naht des Tages Dämmerschein,
Frühroth erglänzt in das Zimmer herein,
Da weichen leise die Schatten der Nacht,
Die Geister schwinden still und sacht,
Und auf die müden Augenlider
Senkt sich ein sanfter Schlummer nieder …

Und du erwachst – schon ist es Tag,
Beruhigt ist des Herzens Schlag,
Das Leben zeigt dir neue Huld –
Wo bleibt, die dich gequält, die Schuld?
Dein Zimmer ist wieder voll Sonnenlicht…
Schlaflose Nacht! Kennst du sie nicht?