Anton Ohorn

Christnacht

O heil’ge Nacht, voll Glück und Licht,
Du wundersamste aller Nächte,
Du bist das herrlichste Gedicht,
Wie Menschensinn es nie erdächte;
Dein Zauber füllt den ärmsten Raum,
Er klingt aus jeder Liedesweise,
Und duftend atmet ihn der Baum,
Der Baum mit seinem grünen Reise.

Aus längstverlornem, trautem Glück
Webt die Erinn’rung dir den Schleier,
Du führst den müden Greis zurück
Zu seiner Kindheit schönster Feier;
Du nimmst die Menschheit in den Arm,
Gleichwie die Mutter thut dem Kinde,
Daß Not und Elend, Sorg’ und Harm,
Sei’s auch für kurze Frist, entschwinde.

Wie heil’gen Friedens Unterpfand
Ertönt der Glocken festlich’ Grüßen,
Und durch das nächtlich stille Land
Ziehn Engel hin auf frommen Füßen;
Wo nur des Himmels Boten gehn,
Wird Licht und Liebe ausgegossen …
Doch Kindesang’ nur kann sie sehn.
Dem noch die Wunderwelt erschlossen.

Wir hören ihrer Botschaft Ton –
Doch lebt in uns der fromme Glaube?
Verscheucht nicht Zwietracht, Haß und Hohn
So oft des Friedens weiße Taube?
Die Menschheit ringt in Kampf und Streit,
Mit selbstgeschaffenen Beschwerden –
O hört das Wort voll Seligkeit,
Das Wort vom Frieden hier auf Erden!

O trinket aus der Liebe Born
In dieses Festes Feierstunden,
Vergesset Haß und Neid und Zorn
Und schlagt nicht, sondern heilet Wunden!
Zu euren Kindern lenkt den Blick,
Auf ihrem Antlitz steht’s geschrieben:
Der Weihnachtsfeier reinstes Glück
Besteht im Geben und im Lieben.