Anton Ohorn

Christnacht im Walde

Hoch ob dem Forste, eingeschneit
Auf wilder, kahler Halde,
Steht eine Tanne, hoch und breit,
Im finstern Wasgauwalde.
Es naht kein Mensch dem stolzen Baum
Und einsam träumt er seinen Traum,
Der Ort ist nicht geheuer.

Nur wenn die ewig hehre Nacht
Zur Erde niedersinket,
In der mit traulich sanfter Pracht
Des Christbaums Leuchten blinket,
Da regt es sich im dichten Tann,
Da kommt es trippelnd, leis heran,
Als wie auf Geisterfüßen.

Es naht vom Berge, aus dem Feld
Und aus des Waldes Hallen,
Vom Mondlicht ist der Plan erhellt,
In tausend von Kristallen
Gleich blankem Silber glänzt der Schnee,
Hoch streckt die Tanne sich zur Höh' -
Ein Christbaum wunderbarlich.

Und unter ihrer Aeste Dach,
Die wie in Schauern beben,
Beginnt um Mittnacht allgemach
Ein seltsam fremdes Leben:
Und Hirsch und Eber, Dachs und Reh,
Sie kommen durch den blanken Schnee
Heran zum Weihnachtsbaume.

Und wenn um Mittnacht fern und nah
Die Kirchenglocken klingen
Und Fromme ihr Hallelujah
Dem Kind aus Betlem singen,
Dann beugen sie die Häupter All',
Dann tönt es dumpf hinab zu Thal:
Gott Ehre in der Höhe!

Es löset uralt festen Bann
Die wundersame Stunde,
Daß selbst das Thier Gott preisen kann
Mit menschengleichem Munde.
Der Forstmann aber mag mit Graun
Am andern Tag die Spuren schaun
Von tausend kleinen Hufen.

Doch Niemand darf zur Tanne gehn,
Es wäre sein Verderben,
Denn wer das Wunder hat gesehn,
Muß von dem Anblick sterben.
So fand man einen Wandrer todt
Dereinst im Festtagsmorgenroth
Beim Waldesweihnachtsbaume.