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Die besten Gedichte von Paul Boldt (1885 - 1921) - einem deutschen Lyriker und Dichter (Epoche des Expressionismus).

Bekannte Gedichte

Kurze Gedichte

Novemberabend

Es weht. Das Abendgold ist eine Fahne,
Die von den Winden schon erbeutet wird.
Ein etwas Herbst in der Platane,
Ein gelles Chrom verweht, verwird.

In Wolken gleich verkohlten Stämmen
Riecht man die tote Sonne noch;
Dann das Einatmen, Drängen, Dämmen —
Einsamkeiten kommen hoch.

Literaturcafé

Wortwarenladen, wo es gurrt und murrt:
Des Hauses Echo, das hier Ego schreit:
Der Literat oder die Eitelkeit:
Das fürbaß schwatzende Gehirn Hans Wurst.

Es redet stets und muß beisammen sitzen.
Ist hier einer, der Zorn empfand und schrie!
Ihr richtet lieber Worte ab zu Witzen
Und äfft die Hölle mit Analgesie.

Der Primäraffekt

Jemand, den Kopf in Mädchenknien, sagt:
Daß deine Schenkel früher zu mir kamen.
Wie Krähen fraßen Huren mich Einsamen.
Immer war Winter. Ich bin angenagt!

Dein roter Mund, ein Nest voll weißer Küsse,
Ist unerreichbar nah. Du bist so keusch.
In meinem Herzen da ist ein Geräusch,
Als ob es röchle und ersticken müsse.

Das Wiedersehen

Wie warnend feuchten schwarze Fensterscheiben.
Mystische Telefone knacken, knacken —:
Da stehst Du nahe mit beweinten Backen,
Plastik aus Rauch.
Ich drehe angstvoll mein Gesicht zum Nacken
Und steige zitternd aus aus euren Häusern.

Sind das die Häuser? Ist die Nacht aus Stein?
Ich mache langsam Schritte in Berlin.
Kein Mensch. Herabgestürzte Jalousien.
Ich habe keinen Wunsch, einer zu sein.

Leben & Werk

Paul Boldt wurde in der Stadt Christfelde an der Weichsel auf dem Lande in Westpreußen geboren, einem Gebiet, das heute zu Polen gehört. Nach dem Abitur studierte er Philologie an den Universitäten in München, Marburg und Berlin, ohne einen Abschluss zu machen. In Berlin verkehrte er mit den Schriftstellern und Künstlern, die in den zahlreichen Cafés der Stadt verkehrten, und begann selbst Gedichte zu schreiben.

1912 erschienen seine ersten veröffentlichten Gedichte in der Zeitschrift "Die Aktion", die vor allem mit der expressionistischen Bewegung in Verbindung gebracht wurde. Zwei Jahre später veröffentlichte er sein einziges Buch, "Junge Pferde! Junge Pferde!" (1914).

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er in die deutsche Armee eingezogen, 1916 jedoch als psychisch untauglich entlassen. Während seiner Zeit beim Militär hörte er auf, Gedichte zu schreiben, und das letzte seiner Gedichte, das zu seinen Lebzeiten im Druck erschien, wurde 1918 veröffentlicht ("Der Leib", 10.8.1918).

Boldt starb im Alter von 35 Jahren an einer Embolie, die eine Komplikation der Operation eines Leistenbruchs war. Seit seinem Tod ist er weitgehend in Vergessenheit geraten, im Gegensatz zu anderen expressionistischen Dichtern, die in deutscher Sprache schrieben, wie Gottfried Benn, Georg Heym und Georg Trakl.

In jüngster Zeit hat es eine "Renaissance" von Boldts Ruf im deutschsprachigen Raum gegeben, da sein Gesamtwerk zum ersten Mal seit über einem Vierteljahrhundert wieder veröffentlicht wurde, und zwar in zwei Bänden: "Junge Pferde! Junge Pferde!" und "Auf der Terrasse des Cafe Josty", die 2008 bzw. 2009 in der Edition Razamba erschienen sind. Ein Gedichtband mit dem Titel "Herbstpark" erschien im Januar 2018 im Rahmen der Reihe "50 zeitlose Gedichte" im Martin Werhand Verlag.

Berühmte Verse renommierter Poeten, die sich der Lyrik verschrieben haben: