Gedichte Gedichte

Das Gedicht „Rispetti“ stammt aus der Feder von Paul Heyse.

1.

Rispetti singt man abends in der Kühle
Und mitternachts zur Stunde der Gespenster.
Ein wenig aufzuatmen nach der Schwüle,
Singt sie ein Liebender am Kammerfenster.

Ich singe sie an einem kleinen Grabe,
Drin ruht, was ich zumeist geliebet habe.

Es kommt kein Gruß, kein Flüsterwort zurücke;
Ein armer Spuk nur blieb von so viel Glücke.

2.

Mir war's, ich hört' es an der Türe pochen,
Und fuhr empor, als wärst du wieder da
Und sprächest wieder, wie du oft gesprochen,
Mit Schmeichelton: Darf ich hinein, Papa?

Und da ich abends ging am steilen Strand,
Fühlt' ich dein Händchen warm in meiner Hand.

Und wo die Flut Gestein herangewälzt,
Sagt' ich ganz laut: Gib acht, daß du nicht fällst!

3.

Wir müssen es nur ja der Welt nicht sagen,
Daß sie zu arm, dies Kleinod zu ersetzen.
Sie zuckt die Achseln nur zu unsern Klagen:
»Was man verloren, darf man überschätzen!« -

Unter vier Augen magst du mir's gestehen,
Daß wir als Bettler nun durchs Leben gehen.

Unter vier Augen will ich dir's bekennen:
Es wird kein Glück mehr uns beglücken können.

4.

Um Mitternacht weckt mich die alte Wunde.
Ich seh' den Mond so still ins Fenster scheinen.
Auch du bist wach, und mit dem Tuch vorm Munde
Ersticken möchtest du dein einsam Weinen.

Ach, sollen mir nicht sagen deine Tränen,
Ich dürfe niemals dich getröstet wähnen?

Ach, sagen sie mir nicht: was dir geblieben,
Sei kaum der Mühe wert, es noch zu lieben?

5.

Vor unsern Fenstern nachts erklingt die Zither;
Hörst du? Santa Lucia wird gesungen.
Wie klingt uns nun die süße Weise bitter,
Wie wühlt sie aus dem Schlaf Erinnerungen!

Das Stimmchen, das geliebte, tönt nicht wieder,
Das oft uns sang dies liebste seiner Lieder.

Vom andern Ufer lockt es: Mamma mia,
Deh! vieni all' agile barchetta mia!

6.

Die Augen weg, die ernsten Kinderaugen,
Die unverrückt mir überm Bette strahlen,
Mir Freud' und Frieden aus der Seele saugen
Und mich zu Asche glühn in Sehnsuchtsqualen!

Sie fragen: mußten wir denn untergehn,
Eh' wir am Buch der Welt uns satt gesehn?

Wär' deinen, die sich müde dran gelesen,
Willkommner nicht die ew'ge Nacht gewesen?

7.

Es war im Himmel und auf Erden nichts,
Was uns nicht höher Sinn und Herz entzückte,
Wenn aus dem Spiegel deines Angesichts,
Geliebtes Kind, es uns entgegenblickte.

Der klare Spiegel ward so jäh zerschlagen,
Nun hat die Welt uns weiter nichts zu sagen.

Nicht lockt uns mehr der Dinge Widerschein;
Wir starren freudenblind in uns hinein.

8.

Komm! Laß uns hier die Anemonen pflücken;
Dem Liebling sei's ein Liebesangebinde.
Wir woll'n sie wohlverwahrt nach Hause schicken,
Man soll aufs Grab sie legen unserm Kinde.

Sein kleiner Hügel ist nun überschneit,
Und uns umblüht hier Frühling weit und breit.

Uns scheint die Sonne Roms so süß und warm,
Er aber ruht der ew'gen Nacht im Arm.

O weher tut, als Armut, Überfluß,
Wenn ein Geliebtes ewig darben muß!

9.

Das Leben ist ein Meer voll wilder Klippen,
Mit Fischblut gilt es glatt sich durchzuwinden,
Niemals sein Herz zu tragen auf den Lippen,
Niemals an andrer Glück sein Herz zu binden.

Du lerntest viel zu früh an andre denken,
An ihrem Wohl und Weh dich freun und kränken.

Ach, viel zu frühe fingst du an zu lieben:
Du wärst nicht lang ein froher Mensch geblieben!

10.

In junger Zeit, wenn meines Herzens Pochen
Schon lang vor Tage mir den Schlaf vertrieben,
Hab' ich in Reimen vor mich hingesprochen
Und bei der Kerze noch sie aufgeschrieben.

Der Liebsten bracht' ich sie zur Dämmerstunde,
Die küßte Zeil' um Zeile mir vom Munde.

Dies nächt'ge Lied wird kein Geliebtes hören:
Es dient allein den Schlummer mir zu stören.

Es dient allein, mich vor dem Traum zu retten,
Als ob wir dich noch nicht verloren hätten!

11.

In dieser Welt voll banger Widersprüche,
Wie fühlst du Zweifel deine Brust beklemmen,
Die eklen Dünste dieser Hexenküche
Den Sinn verwirren und den Atem hemmen!

Ich trug einmal ein Blümchen in der Hand,
Vor dessen Hauch ein jeder Mißduft schwand.

Es schien mit seines Kelches zartem Neigen
Mich zu ermuntern, mir den Weg zu zeigen.

Seit mir das Blümchen in den Staub gefallen,
Kann ich den Weg nur tastend weiterwallen.

12.

Ich war ein reingestimmtes Saitenspiel;
Wenn ich erklang, so war's zur Freude vielen.
Warum's dem Meister Schicksal nur gefiel,
So ungestüm und rauh mir mitzuspielen?

Nun ist die edle Harmonie zerstört;
Verstimmen muß ich jeden, der mich hört.

Nun sind die andern Saiten all' zersprungen;
Nur eine tönt noch, von Erinnerungen.

Paul Heyse

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