Ritter von Kolmas

Des Lebens Vergänglichkeit

Ich war kaum ein Kind. Nun sind alle meine Tage
Entflogen mit dem Wind, daß ich stillsteh und klage.
Würd es nur helfen - doch es hilft ja nicht -
Was ich alles wohl täte, das Heil zu erflehen!
Das Leben ist nur Unstete. Ihr habt es gesehen:
Der Tod löscht es aus wie ein flackerndes Licht.
Weh uns! daß wir so selten denken daran
Und daß es keiner je abwenden kann!
Wir leben und vergessen so leicht aller Sorgen.
Aber uns ist die bittere Galle im Honig verborgen.

Wohl dem, der wirbt um das ewige Leben,
Da niemand stirbt! Denn ihm wird gegeben
Nach seinem Willen ein Gut, das nimmer zergeht.
Da ist ganze Wonne und Lieb ohne Haß,
Ewig strahlt dort die Sonne. O bedenket das,
Wie dort alles in Seligkeit, Fröhlichkeit steht:
Da ist rechte Freude und heimlich Gemach
Und kein stickiges Haus und kein triefendes Dach.
Da machen die Jahre nicht Junge zu Alten
Dahin geht unser Weg, wills Gott, der soll alles walten!

Wir flehen zu unserer Frauen mit Gebet und Begehren,
Daß wir es schauen, daß uns tu gewähren
Der vielmilde Gott, den ihr Leib einst umgab.
Er umfaßt ohnegleichen den Raum und die Zeit,
Seine Kraft mag reichen noch weiter als weit.
Nun schauet das Wunder, das mit ihm sich begab!
Alle anderen Wunder sind nichts als ein Wind:
Sie ist Christes Mutter vom Himmel und doch sein Kind,
Und ist hehre Jungfrau, von Reinheit verschönt.
Gott hat Himmel und Welt mit ihrer Tugend gekrönt.

Wir sind Pilgerscharen und ziehen dahin,
In Sünden erfahren ist unser Sinn,
Dessen Trotz keiner zu brechen vermag.
Wir fahren eine Straßen, die dunkel schon wird,
Und dürfen nicht nachlassen, bis der himmlische Wirt
Die Herberge öffnet, die wir suchen manchen Tag.
Es schmilzt Leib und Dasein wie schlechtes Zinn.
Es geht auf den Abend des Lebens. Der Morgen ist hin.
Zeit wird es zur Einkehr uns Armen und Toren:
Faßt die Nacht uns in Sünden, so sind wir verloren.