Moritz Gottlieb Saphir

Ein Weihnachtsbaum

Weil Tannenzweig hat kein Gewand
Als nur ein Kleid aus Nadeln,
Hat ihn erwählt die Gnadenhand
Als «Christbaum» ihn zu adeln.

Weil Tannenzweig so schmucklos steht
Im Reich belaubter Bäume,
Hat Christkind ihn so hoch erhöht
Für seines Festes Räume.

Im Saal und in der Hütte klein,
Kömmt heute er zu Ehren,
Es will auf ihm nur ganz allein
Das Christkind was bescheren.

Es stehen um den Zweig, so schlicht,
Die Kindlein all', die frommen,
Von welchen Christus gnädig spricht:
«Sie sollen zu mir kommen!»

Es liebt der Herr die Kinder sehr,
Die unschuldsvollen, reinen,
Wenn Lachen ist ihr Herzverkehr,
Und mehr noch wenn sie weinen.

Er liebt auch jedes Menschenkind,
Das Kind bleibt im Gemüte,
Das nicht geschleudert in den Wind
Des Herzens Blatt und Blüte.

D'rum schmückt, ihr lieben Menschen, aus,
Den grünen Zweig der Tannen,
Und klopft ein Kind an Euer Haus,
So fragt nicht erst: Von wannen?

Ein Weihnachtsbaum das Leben war,
Gleich nach dem ersten Werde,
Geschmückt vom ersten Elternpaar,
Von Himmel und von Erde.

Die Erde schmückt den Lebensbaum
Mit Blumen und mit Früchten,
Mit Bild und Zierat, Schaum und Traum,
Und weltlichen Geschichten.

Der Himmel zünd't die Lichtlein an,
Die lieben hellen Sterne,
Und knüpft die schönsten Mährlein an
Von oben aus der Ferne.

Die liebe Mutter Erde hat
Gar viel der bunten Gaben,
Sein bißchen Gold soll jedes Blattt,
Sein Zuckerwerk auch haben.

Der Himmelsvater schmückt den Baum
Mit höheren Geschenken,
Mit Hoffnung, Glaube, Liebestraum,
Mit Fühlen und mit Denken.

Und wenn des Lebens Weihe-Nacht
Geht einstens ganz zu Ende,
Der Mutter Erde Gabenpracht
Verschwindet ganz behende.

Und Blume, Gold und Flitterglanz,
All' die vergold'ten Nüsse,
Sie sinken mit dem Lebenskranz
In's Reich der Finsternisse.

Doch was der Vater, Himmel, gab,
Das nimmt der Mensch vom Baume.
Und nimmt's mit sich durch Tod und Grab
Nach jenem hohen Raume.

Ihm leuchten vor in's bess're Land
Aus diesem Erdenstaube,
Die Lichtlein, die am Baum' gebrannt,
Die «Hoffnung» und der «Glaube».

Wer diese Lichtlein mit sich bringt,
Die Gott ihm hier bescherte,
Zu dem sagt Christus unbedingt:
Du bleibst mein Kind, das werte.

Mein Kind, geh' nun zum Himmel ein,
Dein wartet die Bescherung,
Ein Weihnachtsbaum voll Sternenschein
Und ewige Verklärung.