Johann Gabriel Seidl

Selbsttäuschung

»Bist geworden älter,
Bist geworden kälter!«
Sag' ich oft zu mir;
»Laß es dich nicht grämen,
Nicht den Mut dir lähmen,
Kannst ja nicht dafür!

Jeder Tag verglühet,
Jeder Lenz verblühet,
Jede Stimme bricht,
Jede flücht'ge Stunde
Schlägt uns eine Wunde:
Wir nur merken's nicht.

Erst wenn tausend bluten,
Will es uns gemuten,
Daß die Kraft doch litt;
Stein und Erz verwittert,
Eich' und Zeder splittert,
Und wir altern mit.« –

Das fühl' ich mit Schmerzen
Oft so klar im Herzen,
Bin so ernst, so still,
Daß ich einen Schleier
Über meine Leier
Scheidend breiten will. –

Und doch – wenn ich wieder
Hoch von Alpen nieder
Ausblick' in die Welt;
Wenn ich in das Blaue
Schwindelnd aufwärts schaue,
Das der Mond erhellt;

Wenn aus heil'gen Hallen
Orgelklänge schallen,
Wenn der Wildbach braust;
Wenn die Wolkenfalten
Blaue Blitze spalten;
Wenn der Hochwald saust;

Wenn ich, froher Dinge,
Freundesbrust umschlinge,
Mensch mit Menschen bin;
Wenn's in muntren Kreisen
Schallt von kräft'gen Weisen,
Dann erwacht mein Sinn.

Dann wohl fühl' ich's schlagen
Wie in frühern Tagen,
Manches meldet sich;
Und das Aug' wird heller,
Und der Puls wird schneller,
Und ich fühle mich.

Und mir sagt's ein Sehnen:
»Laß solch eitles Wähnen:
Bist nicht, was du scheinst!
Du wardst noch nicht älter,
Du wardst noch nicht kälter,
Bist noch jung wie einst!«