Johann Gabriel Seidl

Die Perle

Ein Jüngling sitzt beim Abendschein
Am Meere sinnend und allein,
Hin übers Wasser schweift sein Blick,
Als sucht' er ein entferntes Glück.

Und was ihn stimmt so weich und bang,
Es ist der Sehnsucht süßer Drang,
Und was aus seinem Auge spricht,
Weiß jeder, nur er selber nicht.

So sitzt er, einer Myrte nah,
Ein Zweiglein in den Händen, da,
Und gräbt mit willkürloser Hand
Der Liebsten Namen in den Sand.

Doch kaum daß er die Lettern schrieb,
Naht Well' um Welle leis' und lieb,
Und kost und rauscht und küßt und wühlt,
Bis sie den Namen weggespült.

Der Jüngling merkt es und erblaßt,
Als ahnt' er etwas Arges fast;
Kann, was die Flut dem Namen nun,
Kein Schicksal einst der Liebe tun?

Kann's keiner Untreu' oder Pein
Geheime Vorbedeutung sein?
Mit solchen Bildern quält er sich,
Bis längst die Sonn' im Meer erblich.

Nach Hause schleicht er trüb und schwer,
Wie lächeln mild die Sternlein her,
Wie winkt der Mond ihm tröstend zu, –
Für ihn ist heute keine Ruh'!

Verwacht wird eine bange Nacht,
Ein banger Tag wird hingebracht,
Bis sich der Abend wieder senkt,
Und er den Schritt zum Meere lenkt.

Hin eilt er, wo er an dem Strand
Der Liebsten Namen schrieb in Sand,
Und sieh! – da ist kein Name zwar,
Doch etwas andres winkt ihm klar.

Ja, – eine Perle rein und hell
Liegt ausgespült zur selben Stell',
Als wär's für den geraubten Schatz
Der Fluten reuiger Ersatz.

Mit Rührung blickt der Jüngling drauf,
Und liest das Kleinod freudig auf;
Und bald auch schmückt' es hell und klar
Der Liebsten Stirn – am Traualtar.