Johann Gabriel Seidl

Die Strickerin

Sie saß am Arbeitstischchen,
Den Strickstrumpf in der Hand;
Ihr werdet mich belächeln,
Daß ich's poetisch fand.

Sie hatt' ihn grad vollendet,
Und sah ihn sinnend an:
Da fiel mir's ein, zu denken,
Was sie wohl denken kann.

»Ach, wenn ich nun die Maschen« –
So dachte wohl das Kind –
»Herunterlesen könnte,
Wie sie gewachsen sind!

Es dürft' ein nettes Büchlein
Voll bunter Szenen sein:
Wir armen Kinder stricken
So manches mit hinein.

Oft ging es froh und spielend,
Bei frohem Wonnespiel
Oft ließ ich Maschen fallen,
Weil eine Träne fiel.

Oft riß mir mit dem Garne
Der Liebe liebster Wahn,
Oft knüpft' ich mit dem Faden
Die Hoffnung wieder an.

Oft half ich unter Zweifeln
Verworrnen Knoten nach;
Oft brach das Herz vor Wehmut,
Indes die Nadel brach.

Was zagend ich gestanden,
Was feurig er mir schwor,
Das tritt aus dem Gewebe
Lebendig mir hervor.

Drum könnt' ich es so lesen,
Was ich mit eingestrickt,
Wie fühlt' ich mich verlassen,
Wie fühlt' ich mich beglückt!« –

So denk' ich, daß sie dachte,
Den Strickstrumpf in der Hand;
Nun lächelt ihr wohl nimmer,
Daß ich's poetisch fand.