Johann Gabriel Seidl

Im Walde

Wenn ich in dichten Waldesräumen
Mir selbst oft überlassen bin,
Und unter hundertfältigen Bäumen
Hinwandle mit bewegtem Sinn,
Da fühl' ich von ganz eignem Bangen
Mich immer wunderbar befangen.

Die Eichen scheinen mir zu leben,
Voll Ernst auf mich herabzusehn,
Und mit der Blätter leisem Beben
Vernehmlich mir ins Ohr zu wehn:
»Wie wagst du's unter alten Leuten,
Du junges Blut, so keck zu schreiten?

Wir stehen da seit längren Jahren,
Als sie dir einer zählen mag!
Wo warst du noch, als wir schon waren?
Wo trifft dich unser letzter Tag?
Du wagst uns lächelnd anzublicken?
Uns dünkt, du sollst dich vor uns bücken!«

Und wenn mir solches kommt zu Sinnen,
Da zieh' ich allgemach den Hut,
Und schleich' in heil'ger Scheu von hinnen,
Ich unerfahrnes, junges Blut;
Sie scheinen dann mit mildem Fächeln
Des Jünglings Ehrfurcht zu belächeln.