Johann Gabriel Seidl

Mein Wecker

Nicht Räderuhr, nicht Schlagwerk und Gewicht,
Selbst Morgenglock' und Haushahn brauch' ich nicht,
Auch weder einen Knecht, noch eine Magd,
Die mich allmorgendlich zu wecken zagt.

Denn einen Wecker hab' ich nebenan,
Der es weit besser, als sie alle kann,
Er zupft mich nicht an Zehe, Nas' und Haar,
Vom Herzen aus weckt er mich wunderbar.

Der kleine Wecker aber ist mein – Kind,
Der weckt mich zuverlässig und geschwind;
Ein Laut, ein Schrei – so ist es mir genug:
Weiß Gott! er kennt den rechten Glockenzug.

Dann spring' ich hin zu ihm und seh' mit Lust
Sein liebes Lächeln nach der Mutterbrust,
Und frommer Wünsche wird mein Herz so voll,
Wie es am Morgen eben werden soll.

Und weckt er oft mich etwas früher auch
Als es vordem gewesen mein Gebrauch,
Ich bin gleichwohl der erste nicht empor:
Die Muttersorge kam mir stets zuvor.

Und sollt' ich manchmal auch der erste sein,
Wie wäre dieses Opfer doch so klein!
Fürs Lamm erwacht der Hirt im Dämmerlicht:
Und ich – ich sollte für mein Kind es nicht?