Johann Gabriel Seidl

Die Unverwundbare

Ein lodernd Gerippe steht das Haus,
Die Raublust wütet darin mit Graus;
Die Mutter stirbt bei des Vaters Mord,
Die Tochter stürzt in Verzweiflung fort.

Mit flatterndem Haare fliegt sie voran,
Und hinter ihr her ein blutiger Mann,
Das rauchende Schwert in geballter Hand,
Im Auge der Gierde leuchtenden Brand.

»Halt, schmuckes Dirnlein, wohin so schnell?«
So ruft, sie verfolgend, der wilde Gesell.
»Komm her, mich verlangt es nach solchem Schatz:
Die Fackel leuchtet, geräumt ist der Platz.

Was kümmert mich Rache, was Gold und Gestein?
Hier kann ich alles in allem sein!
So lüstern bleich hat der Schreck dich gemalt,
Kein Gott entreißt dich aus meiner Gewalt.

Sieh her! das Eisen so blutigrot,
Wohl blitzte dir's Vater und Mutter zu Tod,
Wohl führ' es so glatt ins Herzchen auch dir, –
Doch leben sollst du mir, – leben – mir!

Wie wirbelt die Trommel, wie knistert die Glut,
Wie duftet's durch öde Gemächer von Blut!
Wie lustig ist es, dem Tode zum Hohn,
Zu ernten des Lebens beneidetsten Lohn!?« –

Die Jungfrau vernimmt des Kriegers Wort,
Noch ärger als Brand, noch grauser als Mord;
Sie fühlt des Herzens entsetzlichste Pein:
Verfallen in rohe Gewalt zu sein.

Da ist kein Entrinnen, da hilft kein Flehn,
Kein machtlos Dräun, kein höhnend Verschmähn:
Doch wenn sie zum Wahnwitz erwachsen ist,
So hat die Verzweiflung auch ihre List.

So sinkt denn, wie mit gewendetem Sinn,
Die Jungfrau dem Krieger zu Füßen hin,
Und faßt ihm die Hand, und spricht wie verzagt:
»O schone meiner, ich bin deine Magd!

Ich will dir leben! – Denn sieh! dein Schwert
Mir schadet's nicht, wenn mein Will' es begehrt.
Ich weiß ein Sprüchlein aus alter Zeit,
Das manchem den Leib schon gestählt und gefeit.

Du hast – (nicht wissend, daß du den Tod
Nicht geben mir kannst) – mich verschont in der Not;
Du zogst dein Schwert, das über mir hing,
Zurück von mir um geringen Beding.

Darum hab' Dank und schalte mit mir!
Und willst du, so sprech' ich zum Lohne dafür
Das Sprüchlein dir vor, das in Kampf und Schlacht
So manchen schon unverwundbar gemacht!« –

Der Krieger stutzt, das ficht ihn an
Den albern-rohen, betäubten Mann.
»Laß hören,« – ruft er, – »das käme mir recht,
Und dir, Feinliebchen, bekomm' es nicht schlecht!« –

»Wohlan!« – so beginnt sie und sinkt ins Knie, –
»Merk auf, und vergiß das Sprüchlein nie:
Alleiniger Gott, der die Unschuld schützt,
Und Rach' auf das Haupt des Verworfenen blitzt!

Umgib mich mit deinem Schirm und Schild,
Wenn mir der Feind nach der Seele zielt!
Halt ab von mir den vergifteten Pfeil,
Bewahre mein Herz, bewahre mein Heil! –

Es ist geschehn! – Nun Krieger, versuch,
Ob unverwundbar mich machte mein Spruch!
Versuch's, hol aus mit dem Schwert weit, – weit:
Ich bin den Streich zu empfangen bereit. –

Hol aus mit dem Schwert! Ich fürchte mich nicht.
Schon bin ich gefeit, bin wundendicht.
Hol aus mit dem Schwert! Hier ist die Brust:
Ich bin meines Spruchs mir kräftig bewußt!« –

Der Krieger gehorcht, holt aus mit dem Schwert,
Zu prüfen, ob sie ihn Wahres gelehrt; –
Ein Stoß, – und verblutend liegt sie vor ihm;
Hinstarrend bereut er den Ungestüm.

»Hab Dank,« so stöhnt sie, »hab Dank, mein Gott!
Du ließest die Unschuld nicht werden zu Spott!
Ab hast du gewendet – den giftigen Pfeil! –
Bewahrt – mein Herz – bewahrt mein Heil!«

Da fällt's, wie ein plötzlicher Strahl, mit Macht
Wohl tief in des Kriegers Herzensnacht;
Sein Taumel zerrinnt, – sein wilder Blick
Kehrt von der Leiche milder zurück.

Die Trommeln verhallen, der Brand läßt nach, –
Noch steht der Krieger im öden Gemach; –
Es wandelt ihn, seit er's denken kann,
Zum erstenmal wie ein Schauder an.