Johann Gabriel Seidl

Trostreiches Sterben

Es ist um eine Flieg' ein kleines Ding,
Für unsre großen Dichter zu gering;
Wir kleinern mögen uns damit befassen,
Was mag sich auch von Fliegen sagen lassen? –

Ei seht! – Fürs erste sind sie flink und frisch,
Sodann gesellig, Gäst' an jedem Tisch,
Keck, sagen wir, als ob, was wir so schelten,
Nicht könnt' als Liebe zu den Menschen gelten.

Und wie gewandt sie sind! Wer läuft, wie sie,
Kopfüber an der Wand und fällt doch nie?
Sie haben Flügel, solche Tierchen Flügel,
Und unser Fuß erlahmt an einem Hügel.

Froh sind sie auch, und ach, wie froh sie sind!
Was braucht zu seiner Freud' ein Menschenkind!
Ein Abendstrahl durch eine Kerkerlücke,
Und hundert Fliegen sonnen sich im Glücke.

Und wenn der Herbst Marienfäden spinnt,
Und wenn des Jahres Sand zur Neige rinnt,
Und wenn der Frost aus feuchten Wänden schauert,
Da hab' ich euch, ihr Tierchen, oft bedauert.

Da sucht ihr bänglich alle Winkel auf,
Da taumelt ihr wie schwindelnd oft im Lauf,
Und summt, als wolltet ihr's einander klagen:
»Du, frierst du auch? Mein Stündlein hat geschlagen!«

Doch nein, so trostlos sei das Scheiden nicht!
Sieh, dort das Fenster hell vom Abendlicht!
Der lieben Sonne letzter lauer Schimmer,
Des Herbstes Abschiedsgruß vom dumpfen Zimmer!

Ha! sieh, da fliegt's von allen Seiten her,
Und drängt sich an die Scheiben matt und schwer,
Und summt und sonnt sich einmal noch, und weidet
Sich satt im lauen Lichte, bis es scheidet.

Und hundert Leichen zählt das Morgenrot. –
Das nenn' ich trostreich sterben seinen Tod;
Da lern', o Fürst der Schöpfung, von den Fliegen,
Des Todes Stachel wohlgemut besiegen!

Nicht kaure, wenn Spätsommer dich umgraut,
Dich feig ins Dunkel ohne Lust und Laut;
Empor, hinaus, und wär's zum letzten Male,
Und trostreich stirb am heitren Sonnenstrahle!