Johann Gabriel Seidl

Tagesleben

Tagüber lebt der Mensch ein ganzes Leben,
Doch nicht wie sonst der Gang der Zeit es lehrt:
Der Lauf der Horen, die sein Dasein weben,
Ist seltsam hier verwechselt und verkehrt.

Der Morgen hebt auf seinen Purpurarmen
Des Tages Königin zum Thron empor,
Und tausend Puls' erwachen und erwarmen,
Und Erd' und Himmel jauchzt im Jubelchor.

Da steht der Mensch und gleicht dem rüst'gen Greise:
Aufs Leben schaut er hin mit freiem Blick,
Und überdenkt der Nacht durchträumte Reise,
Und überzählt des vor'gen Tages Glück.

Die süßen Schwärmereien sind vergessen,
In denen ihn das jüngste Spätrot sah;
Ein neues Leben soll er bald durchmessen,
Und frohbereit und ruhig steht er da. –

Nun flammt der Tag heran mit seinem Treiben,
Und sieh! zum Mann ist schnell der Greis verjüngt:
Ins Leben stürzt er ohne Rast und Bleiben,
Und prüft und zagt und ringet und erringt. –

Da kommt der Abend leisen Schritts gegangen,
Die Welt erkennt den Sieger, der ihr droht;
Sie wird nun still und ruft auf ihre Wangen
Der süßen Liebe schwärmerisches Rot.

Der Mensch bemerkt, was seiner Mutter fehlet,
Und ahmt ihr nach als ein getreuer Sohn;
Von neuer Glut fühlt er die Brust beseelet,
Zwar neu für jetzt, doch einst empfunden schon.

Zum träumerischen Jüngling wird er wieder,
Die Wehmut läßt er kommen in sein Herz,
Beschwört die alten Träume sich hernieder,
Und tränkt mit alten Tränen alten Schmerz. –

Und weiter rückt die Zeit, die Farben bleichen,
Die Zungen ruhn, die Lichter brennen ab,
Die Wesen schaun sich an wie starre Leichen,
Es legt die Nacht sich auf das weite Grab.

Wo ist der Jüngling nun? Er ist verschwunden,
Er ward zum Kinde, dem's im Finstern graut,
Wie von Gespenstern fühlt er sich umwunden,
Und fröstelnd weint er seinen Jammerlaut.

Gestalten schaut er, die er nie gesehen,
Fühlt Ahnungen, an die er nie geglaubt,
Hört Stimmen um das Ohr der Seele wehen,
Daß es das Hirn ihm heiß zusammenschraubt.

Nach langem erst sieht er die Sterne blinken,
Sein Kindersinn schöpft Mut aus ihrem Schein,
Sein Schmerz wird Mattheit, seine Wimpern sinken,
Und weinend wie die Kinder schläft er ein.