Johann Gabriel Seidl

Heilsberg

Von Ordruf zog der fromme Winfried aus,
Und trug des Glaubens Wort von Haus zu Haus,
Von Herd zu Herd, daß jede Feuerstelle
Der Christuslehre milder Strahl erhelle.
Und wo er streute seine Friedensrat,
Da keimte frommer Sinn und gute Tat,
Da schmolz, wie Eis beim Lenzhauch von den Firnen,
Der Trotz der Roheit von Barbarenstirnen.

So zog er auch durchs Thüringergebiet,
Wo stolz die Winterswand herniedersieht,
Und über eine düstre Tälergruppe
Die Hugsburg niederdräut von schroffer Kuppe.
»Halt ein,« so warnten sie den frommen Mann,
»Zu jener Feste wag dich nicht hinan!
Bleib hier im Tale, du bist sanft und mild,
Herr Hugo droben ist so rauh und wild;
Du reichst den Gläubigen die Lebensspeise,
Herr Hugo zecht und schlemmt nach Heidenweise;
Du opferst Gott, dem Herrn, am Weihaltar,
Herr Hugo bringt den Götzen Opfer dar.
Wo hinterm Schlosse ringsher, um den düstern
Tanzboden, schaurig Urwaldstämme flüstern,
Wo toll die Hessas ihren Reigen schlingen,
Und Odins Priester Kampfbardiete singen;
Wo Blut der Kriegsgefangnen tränkt den Herd,
Da dünkt Herr Hugo sich der Götter wert.
Drum, frommer Winfried, zügle deinen Mut,
Zu kostbar ist für seinen Stahl dein Blut.«

»Mich schützt der Herr,« so spricht der fromme Lehrer,
»Wo Irrtum haust, dort nah' ich als Bekehrer;
Kein Sperling fällt vom Dach, kein Haar vom Haupt,
Wofern mein Herr und Gott es nicht erlaubt:
Er hieß mich Seelen für sein Reich ihm werben,
Und sein bin ich im Leben und im Sterben.«

Und mutvoll, ein Verlorner, steigt der Mann
Den steilen Pfad zur Hugoburg hinan;
Nicht wankt sein Fuß, nicht zittert seine Hand,
Nicht bebt sein Herz, – sein Glaube hat Bestand.

Horch! plötzlich klirrt und rasselt Waffenklang,
Jetzt nah, jetzt näher, rings den Forst entlang,
Und durch das Heer von Stämmen bricht, gleich Tigern,
Ein zweites Heer von stämmig wilden Kriegern.

»Was suchst du, Graukopf?« herrscht den frommen Mann
Herr Hugo selbst mit wilder Drohung an.

»Dich!« ist des Greises ruhiger Bescheid. –
»Mich? – nun, so wiss' es, Tor im Spötterkleid,
Der du schon lange säst in meinen Gauen,
Jetzt soll dein Gott an dir die Ernte schauen!
Ich will dich mähn in diesem heil'gen Hain,
Und in Walhalla soll drob Freude sein!«

Schon blitzt das Schwert. – »Was soll der Waffenklang?«
So schallt es plötzlich fernher, eine Stimme,
So sanft und klar, wie kindlicher Gesang,
Und unabweislich selbst dem tollsten Grimme.
Das ist Herrn Hugos holdes Töchterlein,
Die weiße Blum' in diesem blut'gen Hain.
Sie naht, von ihren Fraun geführt, – kein Kind,
Und doch geführt, – die zarte Maid ist – blind.

»Was gibt es, Vater?« ruft sie angstbeklommen,
»Sind böse Franken schon ins Land gekommen,
Daß Schwerter klirren, Kampflärm braust im Wald,
Und Tod verkündend deine Stimme schallt?« –

»Kind! – Winfried,« ruft er, »ist in meinen Händen!
Kein Herz mehr soll er mir von Odin wenden!
Das Haupt will ich ihm von den Schultern schlagen,
Und sterbend mag er's seinem Gotte klagen!«

Der blut'gen Drohung folgt ein grimmer Blick,
Doch zuckend prallt sein Aug' vom Greis zurück;
Denn der steht da, so ernst, so still, so stark,
So ganz ein Gottesmann in Geist und Mark,
Sein großes Aug' ins Herz des Drängers senkend,
Und dann es sanft empor zum Himmel lenkend,
Daß sich kein Schwert und keine Hand mehr regt,
Und keines Baumes Wipfel mehr bewegt.

Herr Hugo wagt zuerst ein Wort: »Vernimm,
Tollkühner, zügeln will ich meinen Grimm,
Vollbringst du mein Begehr durch deinen Gott;
Wo nicht, so trifft dich Tod, – ihn aber Spott! –
Sieh hier mein Kind, mein liebes, teures Kind,
So jung, so gut, so lieblich, – aber blind.
Wenn du sie heilst, bevor drei Tag' entschwanden,
Das Aug' ihr lösest aus der Blindheit Banden,
Daß sie die Welt, die schöne, schauen kann,
Dann will ich baun auf deinen Gott, o Mann! –
Doch bleibt sie blind, hat dein Gebet nicht Kraft,
Sie zu befreien aus des Dunkels Haft,
Dann will ich niemals in Walhallas Auen
Der Götter leuchtende Versammlung schauen,
Versiegen soll der Wein in goldnen Schalen,
Und Odins Antlitz nie mir gnädig strahlen,
Wofern nicht, eh' der dritte Tag verflog,
Der Götter Hain dein Blut als Opfer sog!«

»Der Herr ist auch im Schwachen stark,« so spricht
Der Greis, – »ich hoff' auf ihn, du zweifle nicht!
Drei Tage gabst du Frist, – es möge sein,
Doch bleibt drei Tag' auch deine Tochter mein!
Ein heilig Werk kann ich mit dir nicht teilen,
Ich muß sie pflegen, denn ich soll sie heilen.«

Und mit sich führt der fromme Greis die Maid;
Sie folgt ihm duldsam voll Ergebenheit,
Und lauscht begierig seinem Wort und Lied,
Das süßbewält'gend durch die Seel' ihr zieht;
Und horcht entzückt, wenn er die Erd' ihr malt,
Wie hell die Sonn' auf grüne Fluren strahlt,
Und wie das Ohr ein Bettler, im Vergleich
Mit dem Genuß, woran das Aug' so reich,
Und wie es dennoch Menschen gebe, die,
Gesunden Auges, blinder sein, als sie,
Weil sie von innen blind sind, Gott nicht sehn,
Und ohne Lieb' im All der Liebe stehn.
Drum soll das Herz sich nur dem Licht erschließen,
Ins Auge wird's der Herr schon selber gießen.
In solcher sinnigen Betrachtung schwand
Der erste Tag dahin; die Jungfrau fand
Mit einem Mal ein Etwas in der Brust,
Des sie sich vordem niemals ward bewußt;
Ein innres Schauen, wie durch einen Flor,
Als quölle Licht vom Herzen ihr empor,
So mächtig, um noch einst mit blinden Augen
Verwandtes Licht von außen einzusaugen.

Am andern Morgen aber führte sie
Der Greis hinaus auf einen sanften Hügel.
Vom Wald her klang der Vögel Melodie,
Durchs Laub hin säuselte des Westes Flügel,
Und aus den Blüten quoll's wie Opferduft,
Und laue Strahlen tauten aus der Luft.
Und hinknien hieß er sie, und wendet' ihr
Das Antlitz gegen Osten, und besprengte
Die Augen ihr mit Tau. – Da war es schier,
Als ob sich alles Blut ihr aufwärts drängte,
Zusammenströmend auf das Augenpaar,
Das, lichtlos, sonnenwärts gerichtet war. –
Und Winfried sang ein Lied zu Gottes Preise,
Die Jungfrau fiel mit ein in seine Weise,
Und hob und hob sich höher stets hinan,
Als fühlte sie ein süß Behagen dran,
Den vollsten Kuß der Sonne zu empfangen,
Und unter leisem Wimperzucken rann
Manche kühle Trän' auf ihre heißen Wangen. –
»Ach Vater,« rief sie plötzlich, »ist das – Sehn?
Vor meinen Augen ist ein seltsam Drehn,
Ein buntes Ringen, Zucken, Blitzen, Brennen;
Mir unbekannt, ich weiß es nicht zu nennen!«

»Mein Kind, das ist kein Sehen,« spricht der Greis,
»Doch aber mag dir's gelten, als Beweis,
Daß Gott, der solch ein neu Gefühl dir schafft,
Zu Größerm auch, zum Größten hat die Kraft!«

»Ja – Vater, bete! Sieh, ich tu' es auch!
Dein Gott ist groß, gewiß, das ist sein Hauch!
Wie lau es mich umfließt, welch mächt'ger Schein,
Ist das nicht Sehn, wie muß das Sehn erst sein!« –

Am dritten Morgen aber führt' er sie
Vors väterliche Schloß, in stiller Früh',
Als noch die Nebel durch die Täler schlichen,
Und allgemach nur längs dem Strom entwichen.
Dort führt' er an des Berges freien Rand
Sie mit verbundnen Augen bei der Hand,
Und hieß sie ruhig harren, bis er käme,
Und ihr die Binde von den Augen nähme.
Er aber warf sich abseit betend hin,
Und rief zu Gott empor mit gläub'gem Sinn:
»Herr, nicht um meinetwillen soll's geschehn,
Nicht, um mich armen Diener zu erhöhn,
Um deinetwillen laß es mir gelingen,
Um deines Glaubens willen, großer Gott,
Daß er ins Herz der Heiden möge dringen,
Und in Anbetung wandeln ihren Spott! –
Laß es geschehn der treuen Magd zuliebe,
Daß ihre innre Blindheit auch zerstiebe;
Denn sieh! ihr Herz – es sehnet sich nach dir;
Erbarmer, hab Erbarmen auch mit ihr!
Du hast ob eines einzigen Gerechten
Zurückgehalten deines Zorns Gericht; –
O gib jetzt tausend kommenden Geschlechten
Durch zweier Augen Licht das ew'ge Licht!«

Er ruft's, da reißt der Dämmrung Nebelflor,
Und wie Verheißung strahlt die Sonn' hervor.
Vertrauensvoll erhebt er sich und eilt
Zur Jungfrau, die noch leise betend weilt;
Und löst die Binde sacht ihr vom Gesicht,
Und beugt das Haupt ihr niederwärts und spricht:
»Mein Gott, der Herr, vergißt der Frommen nie:
Du bist geheilt, schleuß auf das Aug' und – sieh!« –
Ein Blick – ein Schrei,
Und starr und stumm,
Wie blitzgetroffen sinkt sie um.
Da stürmt es waffenrasselnd herbei,
Herr Hugo ist es, er schreit voll Wut:
»Du hast sie getötet, das zahlt dein Blut!«

Da regt sich die Jungfrau und blickt umher,
Ihr Aug' ist noch unstet, die Wimper noch schwer;
Jetzt blinzend noch durch die Finger scheu,
Jetzt kühner – mit Augen groß und frei,
Zuerst auf den Vater, der staunend es sieht,
Jetzt hin auf den Greis, der betend kniet,
Hinein ins kühlige Waldeshaus,
Dann über die blühenden Täler hinaus,
Auf die grünende Au,
Zum Himmelsblau,
Hin und zurück
Wandert ihr Blick,
Will nichts vergessen, will nichts verlassen,
Will alles mit einem Schauen umfassen;
Sie weint und lacht und betet und singt,
Bis jubelnd die ganze Schar sie umringt,
Und alle, rasch bekehrt, mit frommen Weisen
Den großen Gott des Helfers Winfried preisen.

Und jener Berg, auf dem einst Winfrieds Hand
Vom Herzen aus der Augen Nacht zerteilte,
Und durch die Augen wieder Herzen heilte,
Wird seither noch der Heilsberg zubenannt.