Johann Gabriel Seidl

Löwentraum

In seinem Käfig lag ein mächt'ger Leu
Mit einem muntern Hündchen eingesperrt;
Er wußte, daß sein kleiner Gast ihm treu,
Und daß es Scherz nur, wenn er neckt und zerrt.

Sogar zu schmeicheln schien ihm solch Vertraun,
Solch kühn Ergeben in die Übermacht,
Und spaßhaft rührend war es anzuschaun,
Wie zahm der Riese nahm den Zwerg in acht.

Man sah's dem guten Vater Löwen an,
Daß ihm das Kindlein Hund vom Herzen lieb:
Er hatte seine kind'sche Freude dran,
Und trug gelassen, was er tat und trieb.

Doch einmal schlief der gute Vater Leu,
Und neben ihm lag still das Kindlein Hund,
Und Träume, wie sie Löwen just nicht neu,
Umzuckten ihn und reizten seinen Schlund.

Er träumte sich hinaus ins Meer von Sand,
Auf seiner wilden Kräfte wüstes Feld;
In seinen Mähnen glühte Sonnenbrand,
Sein Rachen war von Blutbegier geschwellt.

Und wild aufbrüllend, daß der Käfig bebt,
Haut er die Pranke plötzlich in den Hund,
Und reißt ihn, eh' er noch die Stimm' erhebt,
In kleine Stücke mit gefräß'gem Schlund.

Dann wacht er auf und sieht was er getan,
Und sein Gebrüll wird ein gewaltig Ach!
Und hätt' er Tränen, weinend säh' er's an,
Was er im Traum am armen Freund verbrach.

Und traurig murrend liegt er manchen Tag
Und wälzt sich unmutsvoll, als säh' er's ein,
Daß es auch Augenblicke geben mag,
Wo's einen Löwen reut, ein Löw' zu sein!