Johann Gabriel Seidl

Ein altes Lied

Das älteste der Lieder war einst neu,
Und tausend Augen wurden feucht dabei,
Und tausend Lippen sangen es mit Lust,
Des seelenvollsten Mitgefühls bewußt.

Der Schlüssel ward's für manches Mädchenherz,
Der Trost im Leid, das Losungswort im Scherz;
Daß einst der Welt zum Ekel werden kann,
Was heute noch entzückt, wer denkt daran?

›Freut euch des Lebens!‹ war ein solches Lied,
Wie selten eins durch alle Länder zieht,
Ein Liedlein ohne Stachel, friedsam, schlicht,
Wodurch so mächtig? wir begreifen's nicht.

So war denn damals dieser schlichte Sang
Auch eines holden Mädchens Lieblingsklang,
Sie summt' und trillert' es den langen Tag,
Den Takt dazu gab ihres Herzens Schlag.

Sie fühlte sich darin erklärt ihr Sein,
Ihr süßes Sehnen, ihre sel'ge Pein,
Und hätt' ihr wer gesagt, es sei nicht schön,
Sie hätt' ihn nimmer freundlich angesehn.

Ihr Freier aber, dem die Muse karg
Nur wenig Tön' in spröder Kehle barg,
Wie quält' und müht' er sich nach Schülerart,
Bis er des schlichten Liedleins Meister ward.

Wie selig unter Liebchens Fenster stand
Bei Nacht er einst, die Zither in der Hand,
Und schickte, siegsgewiß, zu ihrem Ohr
Sein Herz in ihrem Lieblingslied empor.

›Freut euch des Lebens!‹ ist sein Talisman, –
Schon lacht des Lebens Freud' ihn wonnig an; –
Doch ach! dem Tod gefiel das Ständchen nicht: –
Er bricht ein Herz, mit dem ein zweites bricht. –

Dem armen Sänger klingt hinfort der Ton:
›Freut euch des Lebens!‹ wie ein bittrer Hohn,
Und dennoch liebt er ihn und ihn allein,
Und prägt sich tiefer stets ihn, tiefer ein;

Und sitzt im Hause, wo der Wahnsinn wohnt,
Und starrt durchs Eisengitter in den Mond,
Und singt, wenn Ruhe längst in jedem Haus,
›Freut euch des Lebens!‹ in die Nacht hinaus.

Und als er stiller ward, und seit sie ihn,
Geheilt nicht, doch beschwichtigt, ließen ziehn,
Steht er vorm Haus der toten Braut und singt:
›Freut euch des Lebens!‹ – doch kein Fenster klingt.

»Will etwa gar der Bettler,« schmähen sie, –
»Noch Geld für seine alte Melodie!« –
Geld? – Geld? – Einst ging ein Herz ihm auf dabei,
Das alte Lied klingt ihm noch immer neu.