Johann Gabriel Seidl

Stille Freude

Wenn ich oft mit ernster Stirne
Mich aus eurem Kreise stehle,
Brüder, um allein zu sein:
Glaubt nicht, daß ich einem zürne,
Oder daß mir etwas fehle; –
Ich bin oft nur gern allein.

O dann ist so fern vom Grolle,
Dann ist jedem sanften Triebe
So befreundet meine Brust,
Daß mein Herz, das übervolle,
Sich ergießen möcht' in Liebe,
Und vergehn in süßer Lust.

O dann malt sich Fried' und Sehnen,
Wie ein blauer Himmelsspiegel,
In der Seele stillem Meer;
Und Gefühle ziehn gleich Schwänen,
Lüftend ihre weißen Flügel,
Ernst und langsam drüber her.

Liebe, freundliche Gestalten
Seh' ich wandeln allerwegen,
Und ich weiß nicht, wie mir ist;
Denn mit zauberischem Walten
Treten Bilder mir entgegen,
Längst gekannt und längst vermißt,

Meiner Kindheit süße Träume,
Meiner Jugend sel'ge Klagen
Leben vor mir wieder auf;
Früchte werden wieder Keime,
Und Bescheide wieder Fragen,
Und ein Rückweg wird mein Lauf.

Alte Freuden fühl' ich wieder,
Wieder glühn mir alte Farben,
Altes Glück wird wieder neu;
Jahre wehn wie Schleier nieder,
Auseinander fallen Garben,
Und mein Sommer wird zum Mai.

Aber – nun mit einem Male
Flieht das Bild vergangner Zeiten
Wie ein Schatten wieder hin,
Und im lichten Zauberstrahle
Seh' ich Stund' auf Stund' entgleiten,
Und die Zukunft lockt den Sinn.

Und auch da erblick' ich Bilder,
Längst vom Ahnen und vom Hoffen
Vor die Seele mir gemalt;
Und die Bilder werden milder,
Rosenauen seh' ich offen,
Und der Preis des Lebens strahlt.

Gattenliebe, Vaterwonne,
Selbsterkennung, Lebensklarheit
Seh' ich sprossen und gedeihn;
Und der Dichtung bessre Sonne
Sträubt sich nicht, der ernsten Wahrheit
Ihren heitren Strahl zu leihn. –

Schweig' ich drum in eurem Kreise,
Deutet's nicht als Groll und Schmerzen,
Was aus meinem Schweigen spricht:
Es ist so nur meine Weise,
Mir ist dann recht wohl im Herzen,
Und nur sagen kann ich's nicht.