Johann Gabriel Seidl

Empfinden und Dichten

Vor einem Klaviere sitz' ich,
Es ist besaitet wohl;
Doch wie ich die Saiten berühre,
Da klingen sie leer und hohl.

Ich fühl' es im Gehöre,
Ich hör' es im Gefühl,
Im Herzen könnt' ich es greifen,
Doch nicht im Saitenspiel.

Zur Hand nun nehm' ich die Geige,
Vom welschen Meister gemacht,
Sie hat unter Künstlers Händen
Schon manchen zu Tränen gebracht.

Doch wie ich den Bogen ziehe,
Mit selbstbewußtem Stolz,
Da werden die Saiten – zu Därmen,
Da wird die Geige – zu Holz.

Und eine Flöte, die nächste
Verwandte des Menschentons,
Setz' ich voll Hast an die Lippen,
Gewärtig des klingenden Lohns.

Ich geb' ihr herzliche Seufzer,
Und Mißklang gibt sie dafür,
Als höhnt' ihr widriges Pfeifen
Das warme Gefühl in mir.

Da flücht' ich zu dir, o Feder!
Du triffst die gegebene Spur,
Als Schatten des schnellen Gedankens,
Als Zeiger der Seelenuhr.

Da flücht' ich zu dir, und setze
Dich hoffend aufs freundliche Blatt;
Du aber stehst und trotzest,
Als wärst du des Dienstes satt.

Du stehst – und prägst, wie Flügel
Und Geig' und Flöte mir ein:
Wie doch Empfinden und Dichten
So ganz verschieden sei'n.