Johann Gabriel Seidl

Die Warnung

Ein Jüngling saß mit düstren Mienen
In grüner Gräber Mitte da,
Als wär' er heimisch unter ihnen,
Und kein Gedank' als Tod ihm nah.

So war's auch, und mit schnödem Lächeln
Senkt' er sein Haupt zur Erd' hinab,
Als wünscht' er, daß des Westes Fächeln
Schon hinzög' über seinem Grab.

Ist er denn krank? – Noch färbt ja Leben
Sein zartgerötet Wangenpaar.
Doch seine Krankheit ist sein Streben:
Denn was er will, ist ihm nicht klar.

Er könnte froh sein, und will trauern,
Er könnte lieben – ach! und haßt,
Er muß die schöne Welt bedauern,
Und lächelt mancher Schmerzenslast.

Er schilt gering, was er verloren,
Und härmt sich über eitlen Tand;
Zum Leide klagt er sich geboren,
Und zürnt, daß er kein Leid noch fand.

Der Gute dünkt ihm zu viel Engel,
Der Sünder zu viel Teufel ihm,
So schmäht auf Tugenden und Mängel
Sein Herz mit gleichem Ungestüm.

Was also will er? – Sterben, sterben,
Verlassen diese Welt voll Schein,
Im Tode Ruhe sich erwerben,
Und nicht sein, um beglückt zu sein.

»O komm,« so ruft er, »komm, du größter
Von allen Engeln Gottes, komm!
Lösch aus ein Licht, du stiller Tröster,
Das nur sich selbst zur Qual entglomm!« –

Da schallt ein gräßlich gellend Lachen
Den Friedhof schauerlich entlang,
Und dumpfe Geisterkläng' erwachen,
Wie weit entfernter Grabgesang.

Und fieberhafter Schauer zittert
Durch flüsternd Fliederlaub heran,
Und fahl, wie wenn's von fern gewittert,
Färbt mattes Licht den Gräberplan.

Und eine Hand wie Eis erhebet
Von rückwärts sanft des Jünglings Kinn;
Er dreht, von wildem Schreck durchbebet,
Starr nach der Hand das Antlitz hin.

Und wie er aufblickt, glotzt von oben,
Wie Glühwurmschein auf einem Grab,
Gigantisch über ihn erhoben,
Ein grinsend Beingesicht herab.

Und aus dem offnen Knochenmunde
Wie Vampirlaut aus dumpfer Gruft,
Hallt's, mit dem Schlag der Geisterstunde,
Hohnlachend durch die schwüle Luft:

»Tor, sieh, da bin ich, den du rufest!
Warum knickt deine Mannheit ein?
Ich bin's, der Engel, denn du schufest, – –
Doch ruhig, – mich verlangt nicht dein!

Ich bin kein Sklave, der erscheinet,
Wenn tolle Laun' es herrschend will;
Gebannt nicht, noch herangeweinet,
Wann's mir geboten, komm' ich still.

Dahier in meiner Brust von Knochen,
Da steht's geschrieben unsichtbar:
Was von mir sein soll abgebrochen,
Und was verschont von Jahr zu Jahr.

Und wie's nicht Winter ist zu nennen,
Wenn Blumen knickt der Sense Schnitt,
Kann ich's als mein Werk nicht erkennen,
Wenn mich der Mensch bei sich vertritt.

Du, Fant, willst reif sein schon zum Tode,
Schon reif sein jetzt, unsel'ger Tor?
Wie manche Lebensperiode
Steht, eh' du reifst, dir noch bevor!

Glaubst du, weil ich oft Kinder mähe,
Weil ich oft Länder leer' im Flug,
Der tolle Wunsch nach meiner Nähe
Geb' auch auf mich schon Recht genug?

Du mußt mich lebend erst verdienen,
Mit Leid und Lust, mit Freud' und Pein;
Ich bin kein Knecht trübsel'ger Mienen,
Erkauft, erfröhnet will ich sein!

Du mußt noch irren, mußt noch kämpfen,
Noch keuchen unterm Erdenjoch,
Mußt Wünsche zügeln, Lüste dämpfen,
Mußt lieben und mußt hassen noch.

Mußt kennen lernen die Dämonen,
Die licht und schwarz durchs Leben gehn,
Mußt lang' nach bessren Regionen
Mit ungestillter Sehnsucht sehn.

Und wenn du erst geliebt das Leben,
Und seinen tiefen Sinn erfaßt,
Dann komm' ich, dir die Hand zu geben,
Dann hol' ich dich als würd'gen Gast!«

So scholl's, da war der Spuk zerstoben,
Und reglos lag der Jüngling dort;
Erst als der Morgen sich erhoben,
Schlich er vom Friedhof sinnend fort.

Doch bleich blieb sein Gesicht, als habe
Vom Lenzrot es nicht viel verspürt; –
Das kam von jener Hand am Grabe,
Die warnend ihm das Kinn berührt.