Johann Gabriel Seidl

Nach einem Jahre

Vorm offnen Schranke steht die junge Frau,
In ihrem Auge schimmert süßer Tau.

Welch bunter Kram, dort Haub' und Hemdchen hier,
Und Strümpfchen, Bänder, seidne Flitterzier! –

Wo ist das Kindchen, das sie schmücken will? –
Noch schläft es unterm Mutterherzen still.

Allein die Mutter sieht es schon vor sich,
Das holde Püppchen zart und inniglich.

Sie denkt in Haub' und Hemd' und Strümpfelein
Sich Köpfchen, Leib und Füßchen schon hinein.

Sie schmückt's im Geist mit Band und Flitter aus,
Wie ihres Lebens schönsten Blütenstrauß.

Und was erst Traum, bald ist es Wirklichkeit:
O Mutterschaft, du süße Maienzeit!

Doch jede Maienwonn' ist wandelbar,
Und vieles ändern kann – ein kurzes Jahr. –

Vorm offnen Schranke steht die blasse Frau,
In ihrem Auge schimmert herber Tau.

Welch bunter Kram, dort Haub' und Hemdchen hier,
Und Strümpfchen, – doch nicht Band, nicht Flitterzier.

Wo ist das Kindchen, das sie schmücken will? –
Ach Gott! das schläft schon in der Erde still.

Allein die Mutter sieht es noch vor sich,
Das arme Würmchen, wie es leis' erblich.

Sie denkt in Haub' und Hemd' und Strümpfelein
Noch Köpfchen, Leib und Füße sich hinein.

Nur Band und Flitterzier sind nicht mehr da: –
Mit diesen schmückte sie den Sarg ihm ja.