Johann Gabriel Seidl

Liebesroman

So sehn wir uns nach Jahren wieder,
Was ging indes an uns vorbei!
Als wir das erstemal uns fanden,
Da war noch auf und über Mai.

Da gab's ein Hangen und ein Bangen,
Da ward mit Tränen nicht gespart;
Die Zukunft schwamm, ein goldner Nachen,
Im klaren See der Gegenwart.

Da praßten wir mit Hochgefühlen,
Von Glück war unsre Brust geschwellt,
Und dennoch hatten wir noch immer
Des Glücks genug für eine Welt.

An keine Lösung denkend knüpften
Wir tausend Fäden tändelnd an,
Und wähnten jeden Tag verloren,
Der ohne Kuß und Schwur verrann.

Wir setzten über Kluft und Klippe
Mit Lächeln in verwegnem Sprung;
Wir standen schwindelnd auf dem Gipfel,
Und zagten fast vor Steigerung.

Und nun – o laß uns nicht erröten! –
Was uns beseligt und beseelt,
Gleicht einem lieblichen Romane,
Dem ach! – die letzte Seite fehlt.