Johann Gabriel Seidl

Die letzte Schwalbe

Oft meint' ich, die letzte Schwalbe sei's,
Die da verspätet geblieben;
Bald würde sie durch Schnee und Eis
Empfindlicher weggetrieben.

Und dennoch war es die letzte nicht,
Am andern Morgen da klang es,
Und grüßte das laue Sonnenlicht,
Vielstimmigen muntern Gesanges.

Und manche Schwalbe flog noch zu,
Und mancher Tag war noch heiter,
Und spät erst scheuchte die Winterruh'
Das mailiche Völkchen weiter. –

Oft meint' ich, es sei das letzte Lied,
Was meinen Lippen entquollen,
Und dachte, daß weil der Frühling schied,
Die Lieder verstummen sollen.

Doch kaum daß eines erklungen war,
Da kamen gar manche wieder. –
Es ist noch gute Zeit im Jahr:
So klingt denn, so klingt denn, ihr Lieder!