Johann Gabriel Seidl

Zweite Liebe

Oft wenn ich so ein junges Herz
Das warm für Liebe schlug,
Und doch dafür nur Hohn und Schmerz
Als Lohn von dannen trug,
Zu neuer Liebe schreiten sehe,
So tut mir's unaussprechlich wehe.

»Wie kannst du,« rief ich gern ihm zu,
»Den bittren Kampf erneun?
Das letzte Blättchen deiner Ruh'
Auch in die Winde streun?
Noch einmal alte Qual empfinden,
Noch einmal dir die Flügel binden?

Die Augen schlöss' ich lieber fest,
Und eilte, was ich kann,
Und klömme mit des Herzens Rest
Den höchsten Berg hinan,
Und suchte, fern der falschen Liebe,
Ein Haus mir überm Weltgetriebe!

Dort an dem Busen der Natur
Vergäß' ich Qual und Joch,
Und träf' ich wo der Liebe Spur,
So stieg' ich höher noch;
So würde sie denn doch auf Erden
Mich zu verfolgen müde werden!«

Jüngst riet ich einem Freunde so;
Er aber seufzte tief,
Dann führt er mich, halb ernst, halb froh,
Ans Bette, wo er schlief:
Und streift', – als neckt' er mich nur wieder,
Wie manchesmal, – die Decke nieder.

»Dein Pfühl,« begann er, »Freund, nicht wahr,
Du suchst ihn nächtlich auf?
Du legst vertrauend immerdar
Die müden Schläfe drauf,
Und magst dich gern auf seinen Kissen
Den Träumen hingegeben wissen?! –

Doch hat dich nie ein böser Traum
Durchfiebert und erschreckt,
Und dir der Stirne kalten Saum
Mit Tropfen heiß bedeckt?
Und fühltest du, dem Traum entronnen,
Nicht oft das Leben neu gewonnen? –

Wenn du den bösen Polster schaust,
Den deine Trän' oft netzt,
Wie kommt's, daß dir davor nicht graust,
Daß du nicht fliehst, entsetzt?
Daß du wie gestern so auch heute,
Dein Haupt ihm übergibst zur Beute?

Und träumst du manchmal noch so bang,
Du träumst auch wieder schön,
Und wechselnd tilgt den Schmerzensklang
Ein schmelzend Lustgetön:
Wie mit den bösen Träumen eben,
Ist's mit der Lieb' in unsrem Leben.

Was eine Liebe dir versagt,
Bringt oft die andre dir;
Nur wer verschmerzt und strebt und wagt,
Gewinnt es einst mit ihr:
Wie ohne Traum kein Schlaf uns bliebe,
Blieb' uns kein Leben ohne Liebe!« –