Johann Gabriel Seidl

In der Kirche

Ein frommes Lied durchschüttert
Den hochgewölbten Dom,
Durch alle Räume zittert
Des Chors gewaltiger Strom.

So war's vor langen Jahren,
Da stand ich, ein Knabe, hier;
Was hab' ich seither erfahren,
Was ging vorüber an mir!

Dort kannt' ich viele Mienen
In Stühlen und Bänken umher:
Jetzt such' ich umsonst nach ihnen,
Ich finde sie nicht mehr.

Nicht ein Gesicht, nicht eines
Von allen weit und breit,
Und niemand erkennet meines,
Als wär's eine neue Zeit.

Das Meßlied aber schallet
So wie es damals klang,
Und was durch die Hallen hallet,
Es ist noch derselbe Gesang.

Der Mensch vergeht und verlebet,
Das Dasein wechselt und kreist;
Hoch über den Wellen schwebet
Beständig der ewige Geist.