Johann Gabriel Seidl

Fried' und Lied

– nec cithara carentem!    
Horat.

Fried' und Lied! ich will nichts weiter,
Fried' und Lied! das ist mein Reim;
Laßt mich leben still und heiter,
Oft auch weinend insgeheim.

Wandt' ich auf besondren Wegen,
Legt es mir nicht übel aus:
Jeder baut sich seinen Segen,
Und ich bau' ihn mir zu Haus.

Hab' auch einst versucht zu fliegen,
Doch die Kraft versagte mir; –
Will mich jetzt behaglich wiegen
Zwischen dort und zwischen hier;

Bald die Blicke sehnend werfen
Ins verlorne Paradies,
Bald für das mein Auge schärfen,
Was mir Gott auf Erden ließ.

Tu' ich keinem was zuleide,
Rühr' ich keinem an sein Licht,
Nun so laßt auch mir die Freude,
Stört auch mir den Frieden nicht.

Doch nicht klanglos sei der Friede,
Den sich meine Seel' erkor,
Manchmal schwinge sie im Liede
Sehnsuchtsvoll sich noch empor.

Längst hinabgesunkne Sonnen,
Jugendlust und Liebesglück,
Wonneschmerz und Schmerzenswonnen
Zaubre mir das Lied zurück.

Nimmt es auch nicht hohe Flüge,
Wenn es nur zum Herzen dringt,
Und den Bessern zur Genüge,
Und mir selbst zum Troste klingt!

Fried' und Lied ist, was hienieden
Noch allein mich lockt und zieht,
Bis mich einst zum ew'gen Frieden
Eingewiegt mein letztes Lied.