Johann Gabriel Seidl

Die Mutter mit dem Kinde

O seht das holde Pärchen,
So lieblich und so mild,
Verschönernd eins das andre,
Der reinsten Liebe Bild;
Die Rose voll und blühend,
Die Knospe zart und lind,
Den Maitag mit dem Morgen,
Die Mutter mit dem Kind!

So war die schöne Mutter
Einst in der Jugend Mai,
Die Schönheit ist geblieben,
Die Jugend ist vorbei;
Doch einen treuen Spiegel,
Der stets an Glanz gewinnt,
Hält wonnig hier im Arme
Die Mutter mit dem Kind.

So wird nach tausend Wochen
Die schöne Tochter sein,
Der Mutter Herz verklärend
Mit Frühlingswiderschein!
Den Reiz, der von der Quelle
Kristallen weiter rinnt,
Ihr erblich Lehen, spiegelt
Die Mutter mit dem Kind.

»Blüh auf, mein Kind, in Freuden,
Der Schmerz vergesse dich;
Doch denk' an dich die Liebe
So gnädig wie an mich!
Bleib immer Kind im Herzen,
Weil Kinder glücklich sind,
Dann fühlt sich überselig
Die Mutter mit dem Kind!« –

Und wär' das Herz des Kindes
Empfänglich schon für Flehn,
Es würd' ins Aug' der Mutter,
Dann gegen Himmel sehn,
Und an den Arm sich schmiegend,
Der liebend es umspinnt,
Als leuchtend Vorbild grüßen
Die Mutter mit dem Kind.

Wo weilst du, Gatte, Vater,
Der sein dies Pärchen nennt?
Genieße froh des Himmels,
Den diese Welt schon kennt.
Umschlinge deine Schätze,
Dein Doppelangebind',
Dein Königreich, dein alles:
Die Mutter mit dem Kind!