Johann Gabriel Seidl

Zeigerlied

Laufe, laufe, lieber Zeiger,
Denn die Stunden sind von Blei;
Freude fliegt wie Flaum vorüber,
Nur der Schmerz will nicht vorbei.
Doch wenn einmal, mich zu heilen,
Lust mir wieder lächeln will,
Dann, verzichtend auf dein Eilen,
Lieber Zeiger, stehe still!

Laufe, laufe, lieber Zeiger,
Denn nicht länger trag' ich's mehr;
Zahl- und geistreich ist der Zirkel,
Doch mich dünkt er flach und leer.
Aber wenn in Freundesrunde
Wort und Wein mich laben will,
Dann, vergessend Zeit und Stunde,
Lieber Zeiger, stehe still!

Laufe, laufe, lieber Zeiger,
Denn der Unmut nistet hier,
Sitzt wie eine Toteneule
In der Einsamkeit bei mir.
Doch wenn oft mein einsam Denken
Sanfte Wehmut teilen will,
Dann, recht lang' sie mir zu schenken,
Lieber Zeiger, stehe still! –

Laufe, laufe, lieber Zeiger,
Denn der Weg ist gar so lang';
Dort erst unter Liebchens Fenster
Ist das Ziel für meinen Gang.
Doch wenn dort durch helle Scheiben
Gruß und Blick mir winken will,
Dann, verlernend dieses Treiben,
Lieber Zeiger, stehe still!

Laufe, laufe, lieber Zeiger,
Lauf, so lang' dir's noch beliebt;
Stunden kommen, Stunden gehen,
Eine nimmt, die andre gibt.
Doch wenn einst dem müden Gaste
Keine Lust mehr munden will,
Dann, mein lieber Zeiger, raste,
Ach – und steh auf immer still!