Johann Gabriel Seidl

Die Linde

O Linde, liebe Linde!
In deinem Schattenraum
Da hatt' ich manchen guten,
Und manchen bösen Traum.

Oft kam ich als ein lauter,
Beglückter Mensch zu dir;
Oft sahst du einen stillen,
Verlornen Mann in mir.

Bald schienst du mir ein Festbaum,
Um den die Jugend tanzt;
Bald eine Gräberfreundin
Auf Hügelmoos gepflanzt.

Drum möcht' ich, daß die Stunden,
Die ich bei dir verlebt,
Vermählt dir könnten werden,
Und bleibend eingewebt!

Und wenn nur jede Freude,
Die ich bei dir verspürt,
Zu einer Blüte würde
Die deine Borken ziert.

Und wenn auch jede Trauer,
Die mich bei dir erfaßt,
Als falbes Blatt erschiene
An deinem grünen Ast;

Man könnte doch vor Blüten
Kein falbes Blättchen seh'n,
Und meine Linde würde
Beschneit im Sommer steh'n