Johann Gabriel Seidl

In der Schenke

»Wirtin, eure Schenke scheint
Eben nicht die beste;
Stühl' und Tische gnug umher,
Aber keine Gäste!

»»Lieber Herr, das macht die Zeit
Diese Iäßt uns keine;
Mehr vom Weinen lebt man itzt,
Als man lebt vom Weine.

Hättet Ihr's geseh'n, wie ich,
Da ich jung gewesen,
Wie's mein Vater sel'ger sah,
Und von einst gelesen!

Da, da war der Raum zu klein
Und der Wein zu wenig,
Wenn sich einfand, was gestreng,
Und was unterthänig.

Unter'm rothen Lämpchen dort
Vor'm Marienbilde,
Saß der Pfarrer lobesam
Mit der Rathsherrngilde.

Hier der Schreiber aus dem Amt,
Drüben Scherg' und Bader,
Und hier Bauer und Soldat,
Und dabei der Hader.

Freude hieß die Kellnerin,
Und der Schild »zur Treue.«
Blieben heute Gäst' uns aus,
Kamen morgen neue.

Da war noch die Thalerzeit,
Jetzo trägt's nur Heller! —
Denkt Euch, Herr, die säßen hier,
Und ihr findet's völler!«« —

»Lieb« Frau, das denk ich auch,
Geh' sie auch schon sitzen;
Geh' sie ihr bedachtes Haupt
Auf die Hände stützen!

Hör' sie reden und sich freu'n,
Loben und bekritteln,
Und im Träume manchen Zwist
Künft'ger Zeit vermitteln.

Und zu ihnen setz' ich mich; —
Wie sie schau'n und staunen,
Und, mich messend, dies und das
In das Ohr sich raunen!

Bald doch sind wir in's Gespräch
Tief hinein gekommen,
Und da bin ich, als Prophet,
Freundlich aufgenommen.

Sie berichten mir, was war,
Ich, — was kommen werde;
Sie vergangnes Leid, — und ich
Künftige Beschwerde.

Sie den Keim und ich die Frucht,
Schuld — sie, ich die Sühne:
So durchwandern wir der Welt
Lust'ge Trauerbühne.

So versinken wir, und geh'n
Unter im Gespräche: —
Dank für die Gesellschaft, Frau,
Zählt sie mit zur Zeche!«